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ZEW-Index steigt überraschend

Nach fünf Rückgängen in Folge ist der ZEW-Index im vergangenen Monat wieder gestiegen.

(Reuters) Börsenprofis schauen im November überraschend wieder etwas optimistischer auf die Konjunktur in Deutschland. Das Barometer für ihre Einschätzung der nächsten sechs Monate stieg nach fünf Rückgängen um 9,4 auf 31,7 Punkte. Das teilte das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag unter Berufung auf seine monatliche Umfrage unter 184 Analysten und Anlegern mit. Ökonomen hingegen hatten mit einem Rückgang auf 20 Zähler gerechnet. Die Lage wurde aber deutlich schlechter eingeschätzt als zuletzt. Die Fachleute gingen für das aktuelle Quartal davon aus, «dass die Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie die hohe Inflationsrate die konjunkturelle Entwicklung belasten werden», sagte ZEW-Präsident Achim Wambach.

«Für das erste Quartal 2022 gehen sie von einer Wachstumserholung und einem Rückgang der Inflationsrate in Deutschland und im Euro-Gebiet aus», fügte er hinzu. Ökonomen rechnen bis dahin aber erst mal mit einer holprigen Wegstrecke. «Neben Engpässen und dem Energiepreisschub drohen aktuell auch steigende Infektionszahlen die wirtschaftliche Aktivität wieder zu belasten», äusserte NordLB-Chefökonom Christian Lips. Analyst Jörg Angele von Bantleon erwartet Ende 2021 nur ein mageres Wachstum von 0,5%. Die deutsche Wirtschaft hatte im Frühjahr noch um 1,9% zugelegt und im Sommer um weitere 1,8%.

Anhaltende Materialengpässe, gestörte Lieferketten und weniger Nachfrage aus China bremsen auch die Exporte. Sie sanken im September um 0,7% zum Vormonat und damit das zweite Mal in Folge. «Es wird ein trüber Herbst für die exportorientierte deutsche Wirtschaft», prognostizierte der Aussenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. «Verantwortlich sind die sich auftürmenden Probleme in den Lieferketten und der Logistik.»

Die Wirtschaftsweisen haben einem Insider zufolge ihre Wachstumsprognose für 2021 auf 2,7 von 3,1% gesenkt, aber für 2022 auf 4,6% (4,0) erhöht. Ähnlich hatten es schon die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute und die Bundesregierung getan. Denn es wird allgemein erwartet, dass sich die Erholung der Konjunktur wegen der Lieferprobleme in das nächste Jahr verlagert. Trotz aller Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der Konjunktur sorgte das überraschende Plus beim ZEW für gute Stimmung am Aktienmarkt. So erreichte der Leitindex Dax mit gut 16.000 Punkten einen neuen Rekord.

Die Lieferprobleme treffen schon lange mehr nicht nur die Industrie. Zunehmend bekommen Verbraucher die Material- und Produktknappheit zu spüren – etwa beim Kauf von Fahrrädern, Kühlschränken, Matratzen, Nudeln oder Zeitungen. Die Engpässe im Einzelhandel werden sich laut Ifo-Umfrage bis weit in den Sommer 2022 hinziehen und könnten für die ein oder andere Enttäuschung beim Weihnachts-Shopping sorgen.