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Zinserhöhungen wirken verzögertMan spricht von steigenden Zinsen und ihren Auswirkungen auf die Erfolgsrechnung der Banken

Clifford Padevit, London

Diese Woche ist es wieder soweit. Die Notenbanker der Eurozone und Grossbritanniens treffen sich zur monatlichen Sitzung, um den Leitzins festzulegen. Ökonomen erwarten gemäss Umfrage der Agentur Reuters, dass die Europäische Zentralbank EZB den Zins für die Eurozone noch nicht weiter erhöht. Die Bank of England wird den Erwartungen zufolge mit dem ersten Zinsschritt noch zuwarten. Beide Zentralbanken lassen sich also Zeit mit einer Normalisierung des Zinsniveaus. So werden sich steigende Zinsen nur langsam und allmählich auf Bankgewinne auswirken.

Die Faustregel besagt, steigende Zinsen sind schlecht für Bankaktien. Daran gibt es auch 2011 nichts zu zweifeln. Allerdings gibt es Unterschiede, je nach Land, je nach Bank. Es gibt sogar Banken, die von einem Anstieg kurzfristiger Zinsen profitieren; alles ist davon abhängig, wie die Bilanz strukturiert ist, sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite. Als Aussenstehender die Sensitivität einer Bilanz auf Zinsveränderungen abzuschätzen, sei aber «ohne Kenntnis der internen Bilanzstruktur» nicht möglich, wie sogar die Bankanalysten der UBS einräumen.

Für Schulden schlecht

Steigende Zinsen bremsen das Wirtschaftswachstum und sind für die Schuldner eine neue zusätzliche Belastung. Der Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, warnte deshalb am Montag in seiner Funktion als Vizepräsident des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken im Europäischen Parlament vor steigenden Zinsen. Die Verschuldungssituation in Europa würde durch höhere Zinsen nur noch verschärft, sagte er.

Höhere Kreditkosten sind nicht nur für Staaten wie Griechenland (vgl. Textkasten) ein Problem, sondern ebenso für Unternehmen und Privathaushalte. Steigen die Zinsen, sind Verluste im Kreditbuch zulasten der Erfolgsrechnung sicher. Mancher Hausbesitzer hat seine vier Wände nur darum behalten können, weil die Zinszahlungen sanken. Ein Zinsanstieg reduziert daher die Nachfrage nach Krediten, das Wachstum der Ausleihungen sinkt. Positiv sind dagegen höhere Einnahmen auf den Ausleihungen.Ob steigende Zinsen für eine Bank unter dem Strich mehr oder weniger Gewinn bedeuten, ist also von einer Reihe von Faktoren abhängig. Banken, die vorab im Bilanzgeschäft tätig sind, beklagen sich derzeit jedenfalls über tiefe Margen. Sie könnten von einem Anstieg der kurzfristigen Zinsen profitieren. Für die UBS-Bankanalysten sind jene Institute im Vorteil, die ihre Ausleihungen fast ausschliesslich mit Einlagen finanzieren und ein Kredit-Einlagenverhältnis von unter 100% ausweisen. Unter europäischen Grossbanken sind das HSBC und Standard Chartered, die beide vorwiegend in aufstrebenden Schwellenländern tätig sind.

Finanzsektor meiden

Britische und französische Banken befinden sich in mit einem Kredit-Einlageverhältnis von rund 120% im europäischen Mittelfeld. Sie sind also zusätzlich auf den Kapitalmarkt angewiesen, wenn auch etwas weniger als spanische und italienische Banken. Was das Kredit-Einlageverhältnis nicht ausdrückt, sind die Anpassungsfristen. Unberücksichtigt ist zudem die Konkurrenzsituation. In Spanien ist etwa der Kampf um Depositen besonders heftig (vgl. FuW Nr. 96 vom 8. Dezember).

Am Kapitalmarkt werden für Finanzinstitute in peripheren EU-Ländern zudem Aufschläge verlangt. Wenn nicht die EZB bereitstünde, könnten einige Banken ihre Schulden nicht refinanzieren. Die Finanzierungskosten, eine Funktion der Kreditversicherungsprämien (CDS), gilt es im Auge zu behalten (vgl. Grafik oben): Bankaktien bewegen sich relativ zum Gesamtindex in erstaunlichem Einklang mit den CDS-Prämien für Banken aus Spanien, Griechenland, Portugal und Irland. Neben konservativ finanzierten Banken sind solche mit bedeutendem Wealth Management im Vorteil, also Credit Suisse und UBS. Gemäss einer Analyse von J. P. Morgan bedeuten steigende Zinsen in der Schweiz für beide Margensteigerungen.Im aktuellen Umfeld sind absehbare Zinserhöhungen aber nur ein weiterer Grund, nicht in den Sektor zu investieren. Europas Banken befinden sich in einer Transformationsphase, in der sie wegen neuer Kapitalanforderungen und Finanzierungsauflagen das richtige Geschäftsmodell erst noch finden müssen.

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