Meinungen

Zinsfreies Risiko

Das Ausbleiben der Zinswende lässt Anleger auf der Suche nach Rendite verzweifeln. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Die teilweise verzweifelt anmutende Suche nach etwas mehr Rendite macht unsere Pensionskassen zu Hedge Funds und konservative Kleinsparer zu Zockern.»

Vergangenes Jahr hofften wir Anleger, für Risiken bald wieder gut entschädigt zu werden. Doch der Rückzieher der US-Notenbank aus den Zinserhöhungen bedeutet: Die Renditen bleiben weltweit niedrig. Ostereier lassen sich auch dieses Jahr viel leichter finden als ein attraktiver Zins.

Kein Wunder, dass wir Anleger unser Glück über Einsätze mit hohem Risiko suchen. So wollen wir vom verlockenden Zins von Krisenstaaten profitieren – die Türkei bietet mehr als 20%. Wir setzen auf ein vielleicht ewig unprofitables Unternehmen wie den Fahrdienst Lyft oder sind vorschnell bereit, dem staatlich kontrollierten Ölförderer Saudi-Aramco Geld anzubieten – dessen Anleihe war achtfach überzeichnet.

Die teilweise verzweifelt anmutende Suche nach etwas mehr Rendite macht unsere Pensionskassen zu Hedge Funds und konservative Kleinsparer zu Zockern. Das birgt hohe Risiken, ist aber gleichzeitig der erwünschte Effekt der niedrigen Zinsen. Das Wirtschaftswachstum soll durch das billige Geld angetrieben werden. Unsere Entscheidungen als Anleger sind dabei Mittel zum Zweck. Indem wir das Geld anfälligen Staaten und Unternehmen zur Verfügung stellen, tragen wir bei zum Aufbau immer grösserer Risiken im Finanzsystem.

Wie instabil dieses System ist, haben die Schockreaktionen auf die Erwartung höherer amerikanischer Zinsen und eines erstarkenden Dollars vergangenes Jahr gezeigt. Plötzlich waren Länder wie Argentinien und Südafrika, die auf billige Kredite angewiesen sind, wieder in der Schusslinie. Die Kehrtwende der amerikanischen Notenbank hat die Lage beruhigt. Doch der neuen Stabilität ist nicht zu trauen. Mehr Rendite ohne Risiko gibt es einfach nicht.

Leser-Kommentare