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Zinssenkung

Was lange wie ein Bluff der Schweizerischen Nationalbank wirkte, wird realistisch. Eine Zinssenkung im September. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Um dem Markt zu zeigen, dass mit der SNB weiter zu rechnen ist, wäre eine Zinssenkung ein probates Mittel»

Als die Schweizerische Nationalbank im April negativere Leitzinsen ins Spiel brachte, hörte sich das an wie ein grosser Bluff. Nein, das kann sie doch nicht tun. Noch negativer? Doch wer die SNB (SNBN 5740 0.7%) und ihren Chef Thomas Jordan kennt, der weiss, dass so was nicht einfach so dahergesagt wird. Jedes Wort ist genau überlegt. Mittlerweile scheint die SNB tatsächlich bereit, die Karten Mitte September auf den Tisch zu legen und die Zinsen von –0,75 auf –1% zu senken. Warum das plötzlich ein realistisches Szenario geworden ist?

Ein Blick auf den Franken zeigt, wie stark der Druck mittlerweile ist. Ein Euro kostet nicht mal mehr 1.09 Fr., und das, obschon die SNB letzte Woche so stark interveniert hat wie schon lange nicht mehr. Diesen Schluss lässt zumindest der Anstieg der Sichtguthaben um 2,8 Mrd. Fr. zu.

Um dem Markt zu zeigen, dass mit der SNB weiter zu rechnen ist, wäre eine Zinssenkung ein probates Mittel. Immer mehr Ökonomen prognostizieren für die nächste Lagebeurteilung der SNB denn auch einen tieferen Schritt ins Negativland. Nachdem die US-Notenbank die Zinsen bereits gekappt hat, wird die Europäische Zentralbank im September ebenfalls nach unten ziehen. Da wird es der SNB nicht leicht fallen, abseits zu stehen.

Hans Redeker, der Chef-Devisenstratege von Morgan Stanley (MS 44.36 0.34%), hält eine Zinssenkung im Interview auf Seite 15 zwar nicht für das richtige Mittel, doch die SNB ist immer für Überraschungen gut – die Aufhebung der Frankenobergrenze lässt grüssen. Also, gibt es nun eine Zinssenkung im September? Die Antwort ist ein entschiedenes Vielleicht. Die SNB lässt sich nicht in die Karten schauen. Genau diese Unberechenbarkeit ist die grosse Stärke unserer Nationalbank.

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