Märkte / Makro

Zinsverlockung im Reich der Mitte

Die Öffnung des chinesischen Kapitalmarktes schreitet zügig voran. Anleihen werden zugänglicher und attraktiver.

Für Renditejäger ist der Fall klar: Mit Obligationen der meisten Industriestaaten ist kein laufendes Einkommen mehr zu erzielen. Im Gegenteil, vielerorts sind Staatsanleihen selbst bei langer Laufzeit mit Negativzins ausgestattet. Auch Unternehmensanleihen guter Bonität beeindrucken kaum mehr durch eine attraktive Rendite. Dagegen wird das Risiko für Anleger in Schwellenländeranleihen eher entschädigt. Der Zins auf eine chinesische Staatsanleihe mit zehnjähriger Laufzeit liegt derzeit etwa 1,5 Prozentpunkte über demjenigen der USA. Die Differenz zur Verzinsung europäischer Schuldpapiere ist gewaltig.

Tatsächlich hat sich China im Verlauf dieses Jahres zum zweitgrössten Anleihenmarkt der Welt gemausert, nach den USA und vor Japan. Gemäss Yi Hu, Senior Analyst bei der Investmentbank Invesco, können sich die inländischen (Onshore) Bonds des Reichs der Mitte primär durch drei Vorteile von anderen Anleihen abheben: die höhere Rendite bei überschaubarem Risiko, die geringen Wechselkursschwankungen des Renminbis und schliesslich durch den prägnanten Diversifikationseffekt im Portfolio dank tiefer Korrelation chinesischer Bonds mit anderen Anleihen.

Die Liberalisierung der Wirtschaft Chinas wird von der Regierung seit Jahrzehnten stark vorangetrieben. Peking hat grosses Interesse daran, ausländisches Kapital anzuziehen, und fördert die Transparenz im heimischen Finanzmarkt. Trotz des Handelsstreits mit den USA baut die Volksrepublik Finanzmarktbarrieren ab und öffnet den Markt für ausländische Investoren weiter. Stehen chinesische Aktien schon seit geraumer Zeit in der Gunst von westlichen Anlegern, so steckt die Öffnung des Anleihenmarktes aber noch halbwegs in den Kinderschuhen.

Weckruf für Investoren

Heutzutage treten primär staatliche und staatsnahe Unternehmen sowie die Staatsbanken, die sogenannten Policy Banks, als Emittenten von Schuldpapieren auf. Das Volumen rein privatwirtschaftlicher Emissionen ist verhältnismässig gering. Kleine und mittlere Unternehmen finanzieren sich hauptsächlich via Kreditnahme bei Banken. Institutionelle Investoren können sich bereits seit 2017 beim Programm Bond Connect registrieren und so am inländischen Markt Chinas teilnehmen.

Dieses Jahr hat die Marktöffnung zusätzlichen Auftrieb erhalten: Im April wurden chinesische Anleihen, die auf die Landeswährung Renminbi lauten, erstmals in den Bondindex Bloomberg Barclays (BARC 181.28 2.46%) Global Aggregate Index aufgenommen. Dies ist bedeutsam, denn er dient als Benchmark für viele institutionelle Anleger weltweit, auch für Pensionskassen in der Schweiz. Sie müssen somit das Engagement in chinesische Bonds eingehen respektive erhöhen, um nicht allzu sehr von der Benchmark abzuweichen.

Nach dem Einbezug chinesischer Aktien in die MSCI-Indizes im letzten Jahr ist die Aufnahme im Bondbereich ein Meilenstein für Peking. Die chinesischen Bonds werden schrittweise über zwanzig Monate bis Ende 2020 aufgenommen. Ab dann werden sie mit etwa 6% im globalen Index vertreten sein. Gemäss Invesco ist diese Indexaufnahme ein Weckruf für viele Investoren rund um den Globus. Die Investmentbank schätzt, dass das Gewicht chinesischer Bonds in globalen Indizes in den zweistelligen Bereich steigen wird, was dann eher der Wirtschaftskraft des Landes entspricht.

Und der Erfolg der Indexaufnahme ist unmittelbar an den Zahlen abzulesen: Gemäss dem Bericht von Bond Connect wurden im September 2645 Geschäfte abgewickelt, mit einem Volumen von etwa 300 Mrd. Renminbi (42,4 Mrd. $). Das tägliche Handelsvolumen lag zu Jahresbeginn noch bei 850 Mio. $, im September ist dieser Wert bereits auf 2,1 Mrd. $ hochgeschnellt. Allerdings werden geschätzt nur etwa 2% der Anleihen von ausländischen Investoren gehalten. Gemäss Experten wird dieser Anteil über die kommenden Jahre deutlich wachsen.

Laut Vanessa Chan, Investment Director bei Fidelity in Hongkong, werden auch andere wichtige Indexanbieter dem Beispiel von Bloomberg folgen. FTSE Russell und JPMorgan sind heisse Anwärter dafür, Chinaanleihen in ihre globalen Indizes aufzunehmen. Dadurch werden die Obligationen im internationalen Kontext zunehmend gefragt und zugänglicher.

Währungsrisiko überschätzt

Ein Vorbehalt, den ausländische Investoren äussern, ist das Wechselkursrisiko von Anlagen in China. «Die Regierung ist sich durchaus bewusst, dass die Wechselkursschwankungen nicht abschreckend wirken dürfen», meint Chan. Schliesslich wird der Aussenwert des Renminbis über die Kopplung an einen Währungskorb bestimmt, in dem Dollar, Euro und Yen mehr als die Hälfte des Gewichts ausmachen. Der Renminbi fluktuiert nicht frei und wird durch die chinesische Zentralbank sanft gesteuert. «Doch so sehr der Aussenwert des Renminbis gegenüber dem Dollar thematisiert worden ist, so klar muss betont werden, dass sich der Wechselkurs zum Euro oder zum Franken nur in einem sehr engen Band bewegt», erläutert Chan. Generell gehört der Renminbi zu den Währungen mit der geringsten Volatilität weltweit.

Allerdings dominieren auf dem inländischen Markt vor allem kurzfristige Anleihen. «Der Grossteil der Bonds wird innerhalb von fünf Jahren fällig», erklärt Chan. Darüber hinaus sind unabhängige Ratings rar gesät, und die Einhaltung internationaler Rechnungsstandards ist nicht unbedingt garantiert. Sobald die Bonitätsrisiken transparenter werden, dürften die Risikoprämien differenzierter ausfallen. Dies gilt es insbesondere für ausländische Investoren im Auge zu behalten.