Meinungen

Zu hohe Erwartungen an die Wahlen in Indien und Indonesien

In den zwei grossen asiatischen Staaten besteht riesiger Reformstau. Die bevorstehenden Wahlen dürften kaum die Voraussetzungen für gründliche Remedur schaffen. Von FuW-Korrespondent Ernst Herb.

«Attraktiv bleiben die beiden Länder für Investoren nur, wenn bald schon tiefgreifende Reformen eingeleitet werden.»

Die Hoffnung, dass Joko Widodo im Juni zum neuen indonesischen Präsidenten gewählt wird, hat der Börse Jakarta in den vergangenen Monaten Flügel verliehen. Dabei gibt es Parallelen zu Indien. Dort haben seit Wochen die Rupie wie auch der Aktienmarkt in Erwartung eines Sieges der oppositionellen Bharatiya-Janata-Partei (BJP) des wirtschaftsfreundlichen Spitzendkandidaten Narendra Modi in den laufenden Parlamentswahlen stark zugelegt. Doch in beiden Ländern scheinen die Aussichten auf ein bald schon deutlich besseres Investitionsklima überzogen zu sein.

Das nicht nur deshalb, weil die wirtschaftspolitischen Programme der zwei Kandidaten nur vage Auskunft über die von ihnen geplanten Reformschritte geben. Widodo hat als Gouverneur der Hauptstadt Jakarta, ähnlich wie Modi als Chefminister des indischen Teilstaats Gujarat, zwar gezeigt, dass es ihm nicht an Durchsetzungskraft fehlt. Doch die Reformen auf nationaler Ebene dürften vor allem deshalb schwächer ausfallen als von vielen Investoren erhofft, weil ein klarer Wahlsieg Widodos wie auch Modis weniger wahrscheinlich ist.

Auf reformaverse Koalitionspartner angewiesen

Damit zeichnet sich ab, dass sie nur mit der Unterstützung von wenig wirtschaftsfreundlichen Koalitionspartnern in die höchsten Staatsämter aufrücken können. Die Umsetzung von ökonomischen Neuerungen würde damit weniger tiefgreifend ausfallen, als es zur Überwindung der schweren strukturellen Probleme nötig wäre. Wohin die Reise geht, haben die indonesischen Parlamentswahlen der Vorwoche gezeigt. Widodos Partei des Demokratischen Kampfes (PDI-P) hat dort gerade einmal 17,1% der Stimmen erhalten. Damit eine Partei einen Präsidentschaftskandidaten eigenständig ernennen kann, benötigt sie gemäss Wahlrecht einen Stimmenanteil von 20%.

Als Reaktion auf den Wahlausgang kamen in den vergangenen Tagen sowohl der Jakarta-Composite-Index wie auch die Rupiah unter deutlichen Abgabedruck. Denn in Indonesien gibt es, wie in Indien, einen grossen Reformstau. Das äussert sich nirgends mehr als in den hartnäckigen Zahlungsbilanzdefiziten, die beide Staaten aufweisen. Sie sind damit mehr noch als andere asiatische Volkswirtschaften auf einen anhaltenden Kapitalzufluss aus dem Ausland angewiesen.

Gefahr einer Pattsituation

Attraktiv bleiben die beiden Länder für Investoren aber nur, wenn dort bald schon tiefgreifende Reformen eingeleitet werden. Ein unentschiedener Wahlausgang  wird einen ökonomischen Neuanfang erschweren. Es droht damit eine Beschleunigung der seit Mitte 2013 im Gang befindlichen Kapitalflucht ins Ausland. Über Indonesien wie auch Indien wird  damit auch nach dem Urnengang das Gespenst einer Zahlungsbilanzkrise hängen. Widodo und Modi können daran kurzfristig wenig ändern.