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Zu viel Hoffnung für Chinas Wirtschaft

Der Markt hat jetzt zwar markant auf die Gefahren des Virus reagiert. Doch viele Schätzungen für das Wirtschaftswachstum bleiben zu optimistisch.

Alexander Trentin

Es gibt momentan kein wichtigeres Thema an den Finanzmärkten – das Coronavirus treibt deswegen auch die Ökonomen der Banken um. Sie warten ständig auf neue Datenpunkte, um den wirtschaftlichen Effekt des Virus in China abzuschätzen. Doch die Analysten trauen sich nicht recht, den Schaden zu beziffern.

Anfang März erscheint der umfragebasierte Einkaufsmanagerindex (PMI) als Frühindikator der Konjunktur. Der Caixin-PMI notierte vergangenen Monat auf 50 – genau auf der Marke, die zwischen Expansion und Kontraktion liegt. Doch während des Befragungszeitraums war der Schaden bei vielen Firmen noch nicht absehbar gewesen.

Die Grenze von 50 bedeutet, dass sich positive und negative Antworten die Waage halten. Gegenüber Januar hat sich die Lage deutlich verschlechtert, also sollte der PMI massiv unter der Wachstumsmarke notieren – es ist kaum vorstellbar, dass ein nennenswerter Anteil der Firmen in der Umfrage eine Verbesserung angibt.

Die Analysten sehen das anders: Im Durchschnitt erwarten sie einen PMI von 47,4. Das bedeutet: Der Anteil der Unternehmen mit einem schlechteren Geschäftsverlauf beträgt gerade einmal 2,6 Prozentpunkte mehr als der Anteil der Befragten, die eine Verbesserung konstatieren (50 – 47,4 = 2,6). Manche sehen gar nur eine minimale Verschlechterung gegenüber Januar. Vielleicht wird damit auch erwartet, dass die offiziellen Stellen in China einschreiten werden, um ein zu starkes Abgleiten des Konjunktursignals zu verhindern.

Ein ähnlich optimistisches Bild zeigt sich in den Erwartungen für das Wirtschaftswachstum. Es beträgt für 2020 bei den diesen Monat abgegebenen Schätzwerten zwischen 5,3 und 5,6%. Die Erwartungen wurden damit nach unten geschraubt. Aber sie sind immer noch überraschend hoch.

Vergangenes Jahr betrug das Wachstum 6%, im Januar wurde für 2020 noch mit 5,8% gerechnet. Auch der Internationale Währungsfonds hat am Weltwirtschaftsforum in Davos eine Wachstumsprognose von 5,8% vorgestellt.

Der bekannte Ökonom Nouriel Roubini stuft solche Prognosen als «irrsinnig» ein. Für ihn ist klar, dass die chinesische Wirtschaft im ersten Quartal schrumpfen wird. Und dass damit ein Jahreswachstum um 5,5% trotz aller Stimulusmassnahmen nicht mehr möglich ist.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter (TWTR 27.77 -0.32%) rechnet Roubini vor: Würde die Wirtschaft im ersten Quartal um 2% schrumpfen und in den nächsten drei Quartalen mit den bisherigen 1,5% wachsen, ergäbe sich für das Gesamtjahr ein Wachstum von gerade 2,5%.

Selbst wenn es eine starke Aufholbewegung in den nächsten drei Quartalen mit Wachstumsraten von jeweils 2% gäbe – annualisiert ist das eine aussergewöhnlich hohe Wachstumsrate von 8% –, wäre maximal ein Jahreswachstum von 4% möglich.

Nach Schätzung von Ökonomen der Universität Virginia Tech beträgt der Verlust für die chinesische Produktion ungefähr 4% – allein schon wegen der fehlenden Arbeitskräfte in der besonders betroffenen Provinz Hubei. Auch eine «vorsichtige» Schätzung des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung geht von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal aus.

Der Effekt auf die globale Wirtschaft wäre deutlich spürbar, selbst wenn sich die Epidemie anderswo nicht beträchtlich ausbreitet: Ökonomen schätzen, dass China derzeit rund ein Drittel des weltweiten Wachstums ausmacht. Vor siebzehn Jahren, in Zeiten der Sars-Epidemie, lag der Anteil bei etwa 15%.

Die Zahlen beim Konsum sind bereits verheerend. So ist in den ersten zwei Wochen des Februars der Autoabsatz um 92% gegenüber Vorjahr eingebrochen.

Doch es gibt Hinweise, dass der Schock nicht nur den Konsum kurzfristig unter Druck setzen wird. Die Suchanfragen bei der chinesischen Suchmaschine Baidu (BIDU 99 1.72%) vermitteln ein düsteres Bild. Die Leute fragen vermehrt nach den Begriffen «Entlassung» und «Insolvenz».

Die Angst ist berechtigt. Gemäss einer Umfrage unter klein- und mittelständischen Betrieben hat ein Drittel gerade genug Liquiditätsreserven, um einen Monat zu überstehen. Ein weiteres Drittel kann zwei Monate durchstehen. Obwohl die Banken ihnen unter die Arme greifen sollen, berichten viele Unternehmen, dass sie keine Kredite erhalten.

Auch die Arbeiter, die ausserhalb ihrer Heimat arbeiten, sind zu einem grossen Teil noch nicht zurückgekehrt. Nach dem Ende des chinesischen Neujahrs (in der Grafik unten: Lunar NY Day) gibt es normalerweise eine ausgeprägte Rückreisebewegung in die Grossstädte. Sie bleibt immer noch aus. Die Reisedaten sind weiterhin tiefer als im Vorjahr.

Fabriken können so ihre Produktion nicht vollständig aufnehmen. Die Arbeiter, die zurückkommen, müssen oft noch zwei Wochen in Quarantäne über sich ergehen lassen.

Für die chinesische Wirtschaft ist der Immobiliensektor einer der entscheidenden Wachstumstreiber. Rund ein Achtel des Bruttoinlandprodukts der Volksrepublik kommt von ihm. Dieser Markt ist seit dem chinesischen Neujahr so gut wie tot: Die Transaktionen in den grössten Städten belaufen sich auf nur ein Sechstel des normalen Volumens.

Falls sich die Käufer zurückhalten und die Nachfrage weiter schleppend verläuft, könnte das die Immobilienpreise langfristig nach unten drücken. Das ist gefährlich für die Finanzstabilität des Landes: Die Immobilienentwickler sind hoch verschuldet, und für viele Haushalte ist Wohneigentum die bevorzugte Form des Sparens.

Chinas Wirtschaft wird noch lange mit den Auswirkungen der Epidemie zu kämpfen haben – und bei vielen Ökonomen scheint diese Nachricht nicht angekommen zu sein. Regierung und Notenbank werden mit immer mehr Stimulusmassnahmen reagieren – um den Zahlungsausfall von Unternehmen und Banken zu verhindern, die Immobilienpreise nicht einknicken zu lassen und die Nachfrage der Konsumenten in Gang zu bringen.

Die wichtige nationale Entwicklungs- und Reformkommission hat gar bekanntgegeben, die wirtschaftlichen Ziele – inklusive des hohen BIP-Wachstumsziels von 6% – nicht zu senken. Das ist gefährlich: Die hohe Schuldenlast wächst weiter, um möglicherweise sinnlose Projekte zu finanzieren. So hat die Regierung gestern verkündet, 252 Mrd. Yuan (35 Mrd. Fr.) in neue städtische Infrastrukturprojekte zu investieren.

Reformprojekte, um die Wirtschaft weniger abhängig von staatlichen Investitionsprogrammen und effizienter zu gestalten, werden weiter nach hinten geschoben. Falls China tatsächlich versucht, den Wachstumseinbruch vollständig auszugleichen, könnte das später noch grössere Probleme verursachen.