Meinungen

Zu viel Zwang in der Altersvorsorge

Das Umlageverfahren kennt nicht nur demografische Grenzen. Die steuerliche Arbeitsbelastung sowie ein weitgehender Kündigungsschutz drängen Alte aus dem Arbeitsmarkt. Ein Kommentar von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan
«Köpfezählen vernebelt den Blick auf die Problematik der Altersvorsorge.»

Die Altersvorsorge ist in Westeuropa immer mehr eine Altersversorgung: Alter wird wie eine teure Krankheit behandelt, die kollektive Anstrengungen benötige, um den betroffenen Individuen ein erträgliches Leben zu ermöglichen. Gewiss wird Erwerbseinkommen mit steigendem Alter schwieriger. Doch die Biologie sollte eigentlich an Bedeutung verlieren, je weniger die Produktion durch körperliche Anstrengung bestimmt wird. Zudem ist es ein Grunderfordernis des Lebens, Erwerbseinkommen in Vermögen umzuwandeln, um dann im Alter arbeitsunabhängiges Einkommen zu beziehen. Die zunehmende Abhängigkeit von Umverteilung im Alter kann also keine biologischen oder wirtschaftlichen Gründe haben.

Umverteilung zur Altersversorgung – das Umlageverfahren – hat zwei historische Wurzeln: Erstens erforderte die politische Zentralisierung des deutschen Kulturraums besondere Anstrengungen, da er durch den Wettbewerb kleinräumiger politischer Strukturen gekennzeichnet war. Hegel gab die idealistische Losung vor, der Zentralstaat müsse die «Liebe» aufbieten, um die Solidarität der kleinen Gemeinschaften, die er zerstörte, zu ersetzen – sonst könne es nämlich keine «Freiheit» geben. Bismarck setzte dies in die Praxis um, indem er den Zentralstaat zum Wohlfahrtsstaat machte. Dazu gehört das Umlageverfahren, das einst nur Alten, die ihre Familien- und Gemeinschaftsbande verloren hatten, eine staatliche Ersatzfamilie bot, die familiäre Liebe und Treue gegenüber dem neuen Ernährer einforderte.

Vermögensvernichtung als Wurzel

Die zweite Wurzel bildet die Vermögensvernichtung in den Weltkriegen und den Hyperinflationen des letzten Jahrhunderts. Eine Generation war um ihre Ersparnisse gebracht worden, da schien es in der Nachkriegsnot geboten, die im Frieden aufblühende Produktivität direkt zur Versorgung der Alten zu nutzen – legitimiert durch den Mythos der Trümmerfrauen.

Durch das Umlageverfahren wurde gewiss echte Bedürftigkeit gemildert, doch die paradoxe Wirkung der Bedürfnisorientierung nahm ihren Lauf: Die Zahl der Bedürftigen wuchs und wuchs. Heute hängt ein grosser Teil der Bevölkerung während der Hälfte des Lebens (oder mehr) von Zuteilungen ab. Deutschland ist ein extremer Fall, in dem durch demografischen Wandel, gesinnungsethischen Wahn und traditionellen Etatismus eine schwindende Minderheit von Steuerzahlern eine wachsende Mehrheit von Steuerempfängern finanziert.

Neben diesem Blinden steht jeder Einäugige relativ gut da, so auch die Schweiz. Nicht die leicht höhere Fertilität, nicht das grössere Gewicht von zweiter und dritter Säule fallen besonders ins Gewicht, sondern vor allem die relative Attraktivität für Hochproduktive. Das schlichte Köpfezählen vernebelt den Blick auf die Problematik der Altersvorsorge. Viele halten die Kinderlosigkeit für das Kernproblem und sehen daher Zuwanderung als letzte Rettung des Umlageverfahrens. Viele Reformer feilschen darum, das Pensionsalter um eine paar Jahre anzuheben. Wirklich relevant ist im Umlageverfahren aber allein die relative Produktivität der Einzahler im Vergleich zu den Ansprüchen und dem Anspruchsdenken der Empfänger.

Der demografische Wandel wird am stärksten durch Opportunitätskosten getrieben, wachsende Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, aber auch Wertschöpfung und ist daher primär ein Indikator für Wohlstand. Sekundär leider auch für Kapitalkonsum und Wohlstandsillusion. Dieser Wandel müsste keine dramatische Zunahme der Altersarmut bedeuten. Erst das Umlageverfahren schafft die Bedürftigkeit, die es eigentlich zu mildern vorgibt.

Für die Schieflage zwischen Einzahlern und Empfängern ist die Überalterung gar nicht die bedeutendste Ursache. Primär wird das Problem durch die absurde Geisteshaltung geschaffen, die Zwangsumverteilung und Zwangsbeschulung erzeugt haben – beides Instrumente des totalitären Nationalismus. Nach dieser Geisteshaltung sei das Leben in drei sauber getrennte Phasen geteilt: eine Phase überwiegend steuerfinanzierter «Bildung», eine Phase des steuerbelasteten «Arbeitsplatzes» und eine Phase des überwiegend steuerfinanzierten «Ruhestands». Die Einzahlungen in ein Umlageverfahren sind de facto Steuern, die Auszahlungen Transfers, auch wenn meist der falsche Ausdruck «Versicherung» zur Legitimierung herangezogen wird.

Obige Geisteshaltung ist völlig gegen die menschliche Natur und die ökonomische Vernunft. Die grössten Bildungsmittel werden konzentriert, wenn wir am wenigsten dafür aufnahmebereit sind, in der Phase des Aufbegehrens und Ausprobierens. Der Arbeitsplatz soll den grössten Teil der Steuerlast tragen, was Immobilität und Arbeitsintensität massiv gegenüber globaler Mobilität, Kapitalintensität und technischer Automatisierung bestraft. Der Ruhestand schliesslich schiebt Menschen genau dann zum alten Eisen, wenn ihr Erfahrungsschatz am grössten ist. Doch damit hat der Wahnsinn leider kein Ende: Die Problematik wird politisch noch mehrfach potenziert, kurz bevor die bevölkerungsstarken Babyboomer in den Ruhestand überführt werden und das Umlageverfahren endgültig in die Schieflage bringen.

Erstens führt die Nullzinspolitik dazu, dass Einkommen aus der Kapitalanlage, die im Alter schrumpfendes Erwerbseinkommen kompensieren können, schwinden. Zwar kann eigenverantwortliche Anlage, die etwa ein simples permanentes Portfolio regelmässig renormiert, auch im Nullzinsumfeld noch die Sparerenteignung kompensieren. Doch genau diese Eigenverantwortung und die Sparneigung werden den Menschen durch Umlageverfahren und Nullzinspolitik systematisch abgewöhnt. Die verzerrten Märkte ähneln Pyramidenspielen, die genau dann, wenn die erste Säule wackelt, auch die zweite und die dritte ins Wanken bringen.

Zuwanderung und Bildung

Zweitens will die Politik den Druck auf die Produktivität der Einzahler durch Zuwanderung und Bildung mindern. Beides geht nach hinten los. Auch in der Schweiz ist die Zuwanderung zum Teil eine in die Sozialsysteme, in Deutschland überwiegend. Diese Schieflage wächst mit jeder Generation durch höhere Fertilität und grosse Erblichkeit der Bildungsferne – die weniger mit Bildung und mehr mit dem nötigen Einfügen in eine hochkomplexe Kapitalstruktur zu tun hat. Steuerfinanzierte «Bildung» hingegen hat kausal mit höherer Produktivität praktisch gar nichts zu tun. Lange Bildungszeiten sind Folge und nicht Ursache von Wohlstand.

So ziemlich alles, was die meisten Westeuropäer über Bildung, Arbeit und Ruhestand zu wissen glauben, ist falsch. In einer dynamischen Welt zählen sie statisch Beitragsjahre zusammen. Daraus wird dann ein Anspruch abgeleitet, als könne man sich Alterseinkommen einfach «ersitzen». Die steuerliche Arbeitsbelastung und der vermeintliche Angestelltenschutz, die ausgerechnet die am wenigsten Mobilen, Flexiblen und Produktiven bestrafen, drängen Alte aus dem Arbeitsmarkt, während ihre Ersparnisse geldpolitisch unter Druck stehen.

Ohne Umlageverfahren und andere politische Verzerrungen und Täuschungen wäre Alter kein kollektives Problem. Es wäre für die meisten eine goldene Lebensphase der unternehmerischen Nutzung von Erfahrung, der Musse für Bildung, der Liebe für Enkel, des Erlebens von Gemeinschaft. Das Umlageverfahren legitimiert sich als Kinderersatz, dabei bewirkt es genau das Gegenteil: Die Alten werden in die Rolle von Kindern gedrängt, abhängigen Bittstellern. Wenn die potenziellen Einzahler dann schwinden, weil sie nicht mehr geboren werden, nicht mehr in die vorhandene Kapitalstruktur passen oder abwandern, wird die wahre Bedürftigkeit der Altersversorgung offenbart werden.