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Zukunft des Renminbis entscheidet sich in Hongkong

China muss zeigen, dass für seine Finanzbeziehungen Rechtsstaatlichkeit und unabhängige Rechtsprechung gelten. Ein Kommentar von Barry Eichengreen.

Barry Eichengreen
«Bereits ist von vermögenden Hongkongern die Rede, die ihre Gelder nach Singapur transferieren.»

Am 22. Mai hat China ein neues Sicherheitsgesetz für Hongkong auf den Weg gebracht, das die Freiheiten der Bürger stark einschränkt. Die Proteste liessen nicht lange auf sich warten – in London, Washington, D.C., und, natürlich, in Hongkong selbst. Kommentatoren fragen sich, ob der vom Nationalen Volkskongress verabschiedete Vorschlag der Todesstoss für das Modell «Ein Land, zwei Systeme» ist. Was bedeutet er für die Zukunft des Stadtstaats als internationales Finanzzentrum? Wie reagieren internationale Banken wie HSBC und Standard Chartered im Dilemma, entweder die Änderungen zu unterstützen oder Gefahr zu laufen, Pekings Wohlwollen – und vielleicht auch ihre Lizenz – zu verlieren?

Nicht thematisiert wird hingegen die Frage, wie sich das neue Sicherheitsgesetz und die Art und Weise seiner Einführung auf Chinas Bemühungen auswirken werden, den Renminbi zu internationalisieren. Seit über einem Jahrzehnt versucht Peking, den Einsatz seiner Währung über die Landesgrenzen hinaus – nicht nur durch chinesische Exporteure und Investoren selbst, sondern auch Banken, Unternehmen und Regierungen der Länder, mit denen es Geschäfte macht – zu fördern.

Die Anstrengungen zur Internationalisierung der Währung zielen auf verschiedene Aspekte ab. Zum einen ist es für chinesische Unternehmen einfacher, grenzüberschreitende Geschäfte in ihrer eigenen Valuta abzuwickeln. Nimmt die Abhängigkeit vom US-Dollar ab – er ist noch immer die Leitwährung an den internationalen Märkten –, ist China zudem weniger der Finanzmacht der USA ausgesetzt. Nur zu gut erinnert man sich in Peking an die Drohung der Trump-Regierung, Banken und Regierungen, die trotz US-Sanktionen mit dem Iran Geschäfte machen, den Zugang zu US-Banken und Dollarkrediten zu verwehren.

Dim Sum Bonds

Nicht zuletzt geht es aber auch um Prestige. Zu einem mächtigen Land gehört eine eigene Luftfahrtgesellschaft (China hat deren zwei) – und eine internationale Währung, heisst es gelegentlich. Ob das ein bedeutsames Ziel ist, bleibe dahingestellt. Fest steht jedoch, dass China sehr darauf bedacht ist.

Zu diesem Zweck hat China Renminbi-Swaplinien mit ausländischen Notenbanken aufgesetzt. Ebenso fungiert von den vier grossen chinesischen Geschäftsbanken eine als offizielle Clearing-Bank für die jeweiligen globalen Finanzzentren und soll damit anderen Finanzinstitutionen ein effizientes Settlement ihrer Renminbitransaktionen gewährleisten. Der heimische Finanzmarkt wurde zumindest teilweise für ausländische Anleger geöffnet. Ausserdem setzt sich Peking für die Emission von Renminbianleihen ausserhalb Festlandchinas ein.

Besonders gefördert hat es die Ausgabe solcher Papiere in Hongkong, wo die meisten dieser sogenannten Dim Sum Bonds emittiert und gehandelt werden. Der Hauptkanal für ausländische Investitionen in China ist die Shanghai-Hong Kong Stock Connect, die es Hongkonger Marktteilnehmern erlaubt, auch in Schanghai zu handeln, und umgekehrt. Hongkong ist die globale Drehscheibe für das Trade Settlement in Renminbi. Auch der Devisenumschlag – der Handel der chinesischen Valuta gegen alle anderen Währungen – ist gemäss den jüngsten Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Hongkong höher als an allen anderen Marktplätzen in Festlandchina zusammengenommen. Hier wird auch der Grossteil der Renminbi-Hedging-Instrumente, mit denen Banken und Unternehmen ihre Bilanz gegen unerwartete Währungsschwankungen absichern, aufgelegt und gehandelt.

Hinderlich für digitalen Renminbi

Was wird Chinas Durchgreifen auf Hongkong also für dieses Umfeld bedeuten? Die offensichtlichste Folge könnte ein Exodus von Fachkräften aus dem Finanzbereich sein, die sich weigern, unter Pekings eiserner Herrschaft zu leben. Sogar Banken selbst könnten den Stadtstaat verlassen. Bereits ist von vermögenden Hongkongern die Rede, die ihre Gelder nach Singapur transferieren, und von Finanzinstituten, die ebenfalls in diese Richtung schauen.

Natürlich gibt es keinen Grund, warum nicht auch ein Finanzzentrum gänzlich ausserhalb Chinas zur führenden Adresse für Renminbitransaktionen werden könnte. London zum Beispiel ist für den Euro das führende Zentrum, vom Franken ganz zu schweigen. Die Abwanderung von Geschäften von Hongkong nach Singapur muss für China nicht zwingend disruptive Wirkung entfalten. Ja, es wären einige Anpassungen nötig, so müsste etwa die Shanghai-Hong Kong Stock Connect durch eine Shanghai-Singapore Stock Connect ersetzt werden. Doch an und für sich gibt es keinen Grund, warum dies die internationale Verwendung des Renminbis bremsen sollte.

Schwerer wiegt die Sorge, Chinas Vorgehen gegen Hongkong werde den digitalen Einsatz des Renminbis behindern. Die chinesische Notenbank People’s Bank of China (PBoC) arbeitet entschlossener als alle anderen auf die Schaffung einer digitalen Zentralbankwährung (Central Bank Digital Currency, CBDC) hin, zum Teil in der Hoffnung, ein digitaler Renminbi werde attraktiv sein für Händler, die mit China Geschäfte machen. Südkoreanische Unternehmen etwa signalisieren schon Bereitschaft, im Verkehr mit chinesischen Bürgern Alipay zu akzeptieren, den digitalen Finanzdienst des chinesischen E-Commerce-Giganten Alibaba. Die PBoC geht offensichtlich davon aus, dass eine von der Notenbank selbst herausgegebene digitale Währung erst recht attraktiv wäre.

Bedenken betreffend Datenschutz

Doch die Geschehnisse in Hongkong gemahnen an den Gedanken, dass eine CBDC durchaus eine ID vorsehen könnte, die es den chinesischen Behörden erlaubt, die Transaktionen der Benutzer nachzuverfolgen. Die gleichen Bedenken mit Blick auf den Datenschutz also wie bei der von Facebook vorgeschlagenen Digitalwährung Libra. (Ob man nun Facebook oder die chinesische Regierung eher für vertrauenswürdig hält, bleibt jedem selbst überlassen.)

Nicht zuletzt wirft Pekings Vorgehen gegen Hongkong Fragen nach Rechtsstaatlichkeit und politischen Checks and Balances auf – Fragen also, die sich direkt auf den Status als internationale Währung auswirken. Wer als Investor Renminbi hält und nutzt, will sicher sein, dass Regeln hier nicht willkürlich geändert werden, wie es eben mit dem Sicherheitsgesetz in Hongkong geschehen ist. Anleger wollen sicher sein, dass ihre Stimme gehört wird. Sie wollen Gewähr, dass Schutz vor behördlicher Willkür besteht. Bisher waren Rechtsstaatlichkeit und unabhängige Rechtsprechung in Hongkong unbestritten. Nun ist beides in Frage zu stellen.

Investoren brauchen Schutz

Wenn ich in China über dieses Thema spreche, drücke ich es gerne so aus: Noch jede führende internationale oder Reservewährung in der Geschichte war die Währung einer Republik oder eines demokratischen Staates. Das gilt für die USA heute ebenso wie davor für das Vereinigte Königreich, und es galt auch für die Republik der Niederlande im 17. Und 18. Jahrhundert sowie für die Stadt-Republiken Genua, Florenz und Venedig im 13. und 14. Jahrhundert. All diese Republiken kannten ein repräsentatives Gremium, dessen Meinung der König oder der Fürst einzuholen hatte und das in folgenschweren wirtschaftlichen Fragen seine Zustimmung geben musste. Investoren waren in diesen Gremien prominent vertreten. Nicht nur ihnen selbst, sondern auch Drittparteien gab das Gewähr, dass ihre wirtschaftlichen Interessen respektiert und geschützt werden.

Das bedeutet nicht, dass China seinen eigenen demokratischen Frühling erleben muss, bevor der Renminbi eine internationale Währung werden kann. Sehr wohl wird Peking aber zeigen müssen, dass für seine internationalen Finanzbeziehungen die Prinzipien Rechtsstaatlichkeit und unabhängige Rechtsprechung gelten. So betrachtet sind die jüngsten Ereignisse in Hongkong ein entmutigendes Signal.

Leser-Kommentare

Wolf-Stefan Schultz 24.06.2020 - 18:19
Angesichts der totalen Überwachung der Chinesischen Bürger muss man schon sehr blauäugig sein, zu glauben, dass dort elektronisches Geld keine ID enthielte. Einem Bürger Hongkongs kann man nur raten, das Geld in einen sicheren Hafen zu bringen und selbst den Britischen Pass, wenn möglich, zu erwerben, um dem Vermögen zu folgen. 1933 glaubten in Deutschland auch viele, das geht vorüber,… Weiterlesen »