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Zurück in die Siebzigerjahre?

Amerikas Debakel in Afghanistan ist ein Schritt in Richtung einer Wiederholung der Situation, die in den Siebzigerjahren zu niedrigem Wachstum und sehr hoher Inflation geführt hatte. Ein Kommentar von Kenneth Rogoff.

Kenneth Rogoff
«Noch vor ein paar Wochen erschien etwas Inflation wie ein zu bewältigendes Problem. Jetzt sind die Risiken grösser, und es geht um mehr.»

Mit dem katastrophal verlaufenen Abzug der USA aus Afghanistan nehmen die Parallelen zwischen Zweitausendzwanziger- und Siebzigerjahren weiter zu. Ist eine anhaltende Phase hoher Inflation gerade deutlich wahrscheinlicher geworden? Bis vor kurzem hätte ich gesagt, die Wahrscheinlichkeit spreche klar dagegen. Jetzt bin ich mir, besonders mit Blick auf die kommenden Jahre, nicht mehr so sicher.

Viele Ökonomen scheinen die Inflation als rein technokratisches Problem zu betrachten, und die meisten Notenbanker täten das auch gern. In Wahrheit wurzelt eine nachhaltige Inflation weitgehend in politökonomischen Problemen, und von dieser Warte aus ist die lange Liste der Ähnlichkeiten zwischen den Siebzigerjahren und heute verstörend.

In den USA ist nach einer Periode, in der der Präsident die institutionellen Normen in Frage stellte (Richard Nixon war die Version der Siebzigerjahre), ein grundanständiger Mensch (damals Jimmy Carter) im Amt. Im Ausland erleiden die USA eine demütigende Niederlange von Hand eines viel schwächeren, aber deutlich entschlosseneren Feindes (in den Siebzigerjahren Nordvietnam, heute die Taliban).

Die Kosten des Vietnamkriegs

Die Weltwirtschaft leidet derweil unter einem anhaltenden Produktivitätsrückgang. Laut der meisterhaften Darstellung von Innovation und Wachstum des Ökonomen Robert Gordon von der Northwestern University, «The Rise and Fall of American Growth», markierten die Siebzigerjahre wegen des deutlichen Rückgangs des Tempos der sinnvollen wirtschaftlichen Innovationen einen Wendepunkt der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Selbst wenn Produktivitätspessimisten die phänomenalen Erfolge, die die nächste Generation der Biotechnologie und der künstlichen Intelligenz bringen wird, unterschätzen sollten, kommt heute ein grosser Teil der wissenschaftlichen Arbeiten zu dem Schluss, dass sich das Produktionswachstum im 21. Jahrhundert verlangsamt hat, und nun scheint uns die Pandemie einen weiteren schweren Schlag zuzufügen.

Die Weltwirtschaft erlitt in den Siebzigerjahren einen massiven Angebotsschock, als die Länder des Nahen Ostens den Ölpreis gegenüber der restlichen Welt massiv anhoben. Heute stellen der Protektionismus und die Abkehr von globalen Lieferketten eine gleichermassen folgeschwere negative angebotsseitige Erschütterung dar.

Schliesslich wurden die enormen Erhöhungen der Staatsausgaben in den späten Sechziger- und den Siebzigerjahren durch eine höhere Besteuerung der Reichen nicht ausgeglichen. Die höheren Ausgaben rührten teils aus Programmen von Präsident Lyndon B. Johnson zur Schaffung seiner Great Society in den Sechzigerjahren her; später kamen dann die steil steigenden Kosten des Vietnamkriegs dazu. Zunächst Johnson und dann Nixon zögerten aus Angst vor dem Verlust politischer Unterstützung, die Steuern anzuheben, um diese Kosten zu decken. In den vergangenen Jahren nun haben zuerst Trumps Steuersenkungen, dann die pandemiebedingte Katastrophenhilfe und jetzt die Pläne der Demokraten zum Ausbau des sozialen Netzes den Bundeshaushalt enorm belastet. Pläne zur Deckung dieser Kosten durch Steuererhöhungen nur für Vermögende werden vermutlich deutlich zu kurz greifen.

Staatliche und private Schulden

Die heutigen unabhängigen Notenbanken stellen trotz all dieser Ähnlichkeiten ein Bollwerk gegen die Inflation dar; sie stehen bereit, die Zinsen anzuheben, falls der Inflationsdruck überhandnimmt. In den Siebzigerjahren hatten nur wenige Länder unabhängige Zentralbanken, und im Fall der USA handelte das Fed nicht wie eine solche und heizte die Inflation durch seine enorm lockere Geldpolitik an. Heute sind relativ unabhängige Notenbanken in weiten Teilen der Welt die Norm. Zudem bieten die gegenwärtig ultraniedrigen Realzinsen den Regierungen der reichen Länder deutlich mehr Spielraum für Defizite als in den Siebzigerjahren.

Andererseits haben sich die Herausforderungen der Versorgung der alternden Bevölkerung während der vergangenen fünf Jahrzehnte (zumindest in den hoch entwickelten Volkswirtschaften und in China) enorm verschärft. Es lässt sich argumentieren, dass die unterfinanzierten Rentensysteme quantitativ betrachtet eine viel grössere Bedrohung für die Solvenz der Staatshaushalte darstellen als Schulden. Zugleich hat sich der soziale Druck zur Erhöhung der Staatsausgaben und Transferleistungen weltweit massiv verstärkt, weil die Ungleichheit in vielen Ländern politisch wichtiger wird, die Steigerung des Wachstums dagegen unwichtiger. Die Bekämpfung des Klimawandels und anderer Umweltgefahren wird fast mit Sicherheit zusätzlichen Druck auf die Budgets ausüben und das Wachstum reduzieren.

Eine steil steigende Staatsverschuldung wird es den Notenbanken unweigerlich politisch erschweren, die Nominalzinsen anzuheben, wenn die weltweiten Realzinsen zu steigen beginnen. Schon jetzt sind die hohen Schulden ein Grund, warum einige Notenbanken zögern werden, bei einer eventuellen Normalisierung im Gefolge der Pandemie die Zinsen anzuheben. Ein womöglich noch grösseres Problem sind die privaten Schulden, die während der Pandemie ebenfalls in die Höhe geschossen sind. Weit verbreitete private Zahlungsausfälle hätten letztlich über niedrigere Steuereinnahmen und höhere Kosten für das soziale Netz enorme Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte.

Notenbanken unter ständigem Druck

Bevor wir jetzt zu stark in Pessimismus verfallen, sollten wir uns erinnern, dass auf die Siebzigerjahre die Achtziger- und die Neunzigerjahre mit einer starken Wiederbelebung des Wachstums in den hoch entwickelten Volkswirtschaften folgten, auch wenn es sich nicht auf derart breite Schichten erstreckte, wie die Politiker das gern hätten. Andererseits sind die Zweitausenddreissigerjahre noch weit weg.

Die heutigen wirtschaftlichen Herausforderungen sind mit Sicherheit lösbar, und es besteht kein Grund, warum die Inflation steil steigen müsste. Heutige Notenbankchefs wie Jay Powell beim Fed und Christine Lagarde bei der Europäischen Zentralbank sind ein deutlich anderes Kaliber als der willfährige Fed-Chef Arthur Burns in den Siebzigerjahren. Beide haben herausragende Mitarbeiter, die sie unterstützen. Trotzdem aber stehen alle Notenbanken unter ständigem Druck, und es ist schwer für sie, auf unbeschränkte Zeit allein die Stellung zu halten, besonders wenn die Politiker in Schwäche und Verzweiflung verfallen.

Amerikas demütigende Niederlage in Afghanistan ist ein grosser Schritt in Richtung einer Wiederholung jenes perfekten Sturms, der in den Siebzigerjahren zu niedrigem Wachstum und sehr hoher Inflation führte. Noch vor ein paar Wochen erschien etwas Inflation wie ein zu bewältigendes Problem. Jetzt sind die Risiken grösser, und es geht um mehr.

Copyright: Project Syndicate.