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Zurück in die Siebzigerjahre

Ohne Preisstabilität oder Steigerung der Produktivität ist generöse Lohn-, Geld- und Finanzpolitik untragbar. Ein Kommentar von Jim O’Neill.

Jim O'Neill, London
«Die langfristigen Inflationserwartungen sind zu einem zentralen Thema geworden.»

In letzter Zeit ist viel von einer Rückkehr zu den wirtschaftlichen Bedingungen der Siebzigerjahre die Rede. Im Vereinigten Königreich etwa hat die jährliche Inflationsrate im Mai 9,1% erreicht, und die Schlagzeilen melden störende Streiks.

Doch sind tatsächlich wirtschaftliche Verhältnisse wie in den Siebzigerjahren in Sicht? Vieles wird davon abhängen, was mit den Lohnabschlüssen sowie der Geld- und der Finanzpolitik geschieht. Zudem wirken verschiedene globale Einflüsse – darunter nach wie vor Covid, Chinas unsichere Wirtschaftsaussichten, Russlands Krieg in der Ukraine und der schlechte Zustand der globalen wirtschaftlichen und politischen Führung im Allgemeinen.

Weil die Arbeitnehmer höhere Löhne fordern, sind die langfristigen Inflationserwartungen zu einem zentralen Thema geworden. Anfang Juni zeigte die viel beachtete Umfrage der University of Michigan, dass die Erwartungen der Befragten hierzu für die nächsten fünf Jahre von 3 auf 3,3% gestiegen sind.

Notenbanken unter Druck

Dies ist besorgniserregend und ein Schlag für diejenigen (wie mich), die argumentieren, dass die Anzeichen für das mittel- bis langfristige Bild immer noch recht gemischt sind. Andere Erhebungen (ausserhalb der Finanzmärkte) hatten darauf hingedeutet, dass es sich beim jüngsten Anstieg der Energie-, der Lebensmittel- und der Konsumentenpreise um einmalige Ereignisse und nicht um Anzeichen einer echten Inflation handelte.

Doch jetzt besteht ein grösseres Risiko, dass die Inflationserwartungen tatsächlich nicht mehr verankert sind. Das bringt die amerikanische Notenbank Fed und auch weitere wichtige Zentralbanken in eine schwierige Lage, denn sie können einfach nicht zulassen, dass sich dieser Trend verfestigt. Täten sie dies, würden wir uns wirklich in die dunklen Tage von vor fünf Jahrzehnten zurückbegeben. Der Ton des Protokolls der Bank of England nach ihrer jüngsten Zinserhöhung um 25 Basispunkte war deutlich aggressiver als zuvor und deutet auf weitere grosse Leitzinserhöhungen in den kommenden Wochen und Monaten hin.

In diesem Zusammenhang sind die nun bevorstehenden Lohnverhandlungen zu einem entscheidenden Faktor für die Wirtschaftsaussichten geworden. Angesichts des erhöhten Risikos einer Lohn-Preis-Spirale halte ich es für richtig, dass die britische Regierung eine harte Linie gegenüber der wichtigsten Eisenbahnergewerkschaft fährt. Es muss ein deutliches Signal an die Öffentlichkeit und die Medien gesendet werden. Die Inflation von 8 bis 9 % belastet zwar das verfügbare Einkommen der Haushalte, ist jedoch grösstenteils auf die Preissteigerungen für Energie und Lebensmittel zurückzuführen, die letztlich ausgeglichen werden.

Wenn wir wollen, dass die Inflation auf das niedrige Niveau der vergangenen mehr als zwanzig Jahre zurückkehrt, dann ist das Letzte, was wir brauchen, eine massive und dauerhafte Erhöhung der Lohnabschlüsse im öffentlichen Sektor (es sei denn, sie kann durch ebenso massive Produktivitätssteigerungen gerechtfertigt werden).

Ausserdem wäre der zusätzliche Druck auf die öffentlichen Finanzen noch grösser als in der Vergangenheit, was die schwierigen Debatten über die angemessene Höhe der Besteuerung im Verhältnis zu den öffentlichen Ausgaben weiter erschweren würde. Im Moment müssen die politischen Entscheidungsträger die Möglichkeit haben, die Inflation – besonders die langfristigen Inflationserwartungen – unter Kontrolle zu bringen.

Browns «goldene Regel»

Zu diesem Zweck gibt es drei Elemente für eine wirksame Reaktion. Erstens müssen die Regierungen den Notenbanken erlauben, das zu tun, was sie tun müssen, um die Preise zu zügeln. Zweitens müssen die Politiker aufhören, den Eindruck zu erwecken, dass die Regierungen über einen magischen Geldbaum verfügen, an dem sie schütteln können, um jedes auftretende Problem zu lösen. Wenn eine Regierung zeigen will, dass sie ­proaktiv handelt, sollte sie einen gut durchdachten Rahmen für ihre Finanzpolitik einführen.

Ein gutes Beispiel ist die berühmte «goldene Regel» des ehemaligen britischen Premierministers Gordon Brown, die es dem öffentlichen Sektor erlaubte, Kredite nur für Kapitalinvestitionen aufzunehmen, während die laufenden Ausgaben durch Steuern und andere Ein­nahmen finanziert werden mussten. Eine überarbeitete Version dieser Regel ist jetzt dringend erforderlich, um sicherzustellen, dass die Investitionsausgaben des öffentlichen Sektors nicht nur geschützt, sondern auch gefördert werden.

Drittens, und damit zusammenhängend, müssen sich die Regierungen ­ernsthafter mit langfristigen Investi­tionsausgaben im Allgemeinen befassen, besonders im Hinblick auf die «Angleichung» zurückgebliebener Regionen. Die Politik sollte den Unternehmen sagen, dass sie Steuersenkungen vergessen sollen, es sei denn, sie können nachweisen, dass solche Massnahmen die Produktivität steigern. Das Senken der Unternehmenssteuern über Jahrzehnte scheint die Investitionen und die Produktivität der Betriebe nicht nennenswert erhöht zu haben.

Besser ist es, wagemutige Unternehmen und Branchen (beispielsweise Risikokapital) in unterentwickelten Regionen zu unterstützen und ausgeklügelte Bilanzmanagementtechniken wie Aktienrückkäufe mutiger zu regulieren – und sie vielleicht nur dann zuzulassen, wenn eine echte Produktivitätssteigerung nachgewiesen werden kann.

Reale Einbussen nötig

Gleichzeitig müssen die Regierungen der Öffentlichkeit, namentlich den Millionen von Arbeitnehmern mit niedrigem Einkommen, erklären, warum es im Interesse aller liegt, einige reale (inflationsbereinigte) Einkommenseinbussen als Teil des Prozesses zur Eindämmung der Inflation hinzunehmen.

Ohne Preisstabilität oder Produktivitätssteigerungen sind grosszügige lohn-, steuer- oder geldpolitische Massnahmen wirtschaftlich nicht tragbar: Sie wären bloss leere Versprechungen.

Copyright: Project Syndicate.

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