Meinungen

Zwei Kräfte steuern den Ölpreis

Es herrscht Unruhe im Persischen Golf und in der US-Handelspolitik. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer
«Die beiden skizzierten geopolitischen Kräfte halten sich derzeit die Waage. Das Pendel kann jedoch jederzeit auf die eine oder die andere Seite ausschlagen.»

«Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust», sagt Goethes Faust. Ebenso gibt es zwei entgegengesetzte geopolitische Kräfte, die auf den Ölpreis einwirken. Einerseits sind es Donald Trumps Handelskriege und ihre Effekte auf die globale Konjunktur. Das Ringen zwischen Trump und Chinas Präsidenten Xi Jinping belastet das Wirtschaftswachstum.

Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognosen mehrmals heruntergestuft, von 3,9% für 2019 im Januar 2018 auf gegenwärtig 3,5%, Tendenz sinkend. Europa kriselt, und Chinas Wirtschaft dürfte stark betroffen werden. China ist auch der Welt zweitgrösster Erdölkonsument und der grösste -importeur. Weniger Handel bedeutet weniger Transport, was sich auf den globalen Konsum des Rohstoffs auswirken wird.

Andererseits wird das Säbelrasseln im Persischen Golf lauter. Am 2. Mai hob Trump die Ausnahmen auf, die er acht Ländern betreffend die von ihm verhängten Sanktionen gegen Iran genehmigt hatte. Das verringerte das Ölangebot nicht nur, es provozierte auch Gegenmassnahmen Teherans.

Die Regierung stellte den verbleibenden Unterzeichnern des Nuklearabkommens, das die USA vor einem Jahr unilateral aufgekündigt hatten, ein Ultimatum: Findet eine Möglichkeit, die US-Sanktionen zu umgehen, oder wir werden leicht angereichertes Uran und schweres Wasser nicht mehr an Russland und Oman verkaufen, sondern es selbst lagern. Iran hatte sich trotzt der amerikanischen Aufkündigung an das Abkommen gehalten.

Die Spannung stieg: Vier Schiffe wurden vor der Küste Fujairahs (ein wichtiger Umschlags- und Wartungshafen für die Ölschifffahrt) angegriffen. Kurz darauf zerstörten zwei von jemenitischen Rebellen abgeschossene Drohnen die wichtige saudi-arabische Ost-West-Pipeline; sie wurde in den Achtzigerjahren während des Iran-Irak-Kriegs gebaut, um die Strasse von Hormuz zu umgehen, über die 20% des globalen Ölhandels laufen. Die Rohölmärkte reagieren traditionell stark auf Spannungen in dieser Region.

Trotzdem ist der Ölpreis diese Woche nur 3 bis 4% gestiegen und hat Freitag früh 72.61 $ pro Fass (Brent) erreicht. Obwohl die Internationale Energieagentur für das zweite Quartal einen Nachfrageüberhang voraussieht und eine weitere Zuspitzung der Situation in Nahost möglich ist, bremsen der Handelskrieg und das trägere Wirtschaftswachstum den Auftrieb des Ölpreises.

Zudem haben die Opec und ihre zehn Alliierten noch die Möglichkeit, die Produktionskürzung von 1,2 Mio. Fass, die im Dezember beschlossen wurde, am Treffen im Juni rückgängig zu machen. Ein Teilkomitee tagt derzeit in Jeddah, Saudi-Arabien. Russland, der Anführer der zehn Alliierten, will schon lange die Produktionskürzungen wenigstens teilweise aufheben.

Die beiden skizzierten geopolitischen Kräfte halten sich derzeit die Waage. Das Pendel kann jedoch jederzeit auf die eine oder die andere Seite ausschlagen.

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