Im Heck brüllt es gewaltig auf. Nun bin ich froh um die vorher verteilten Ohrenpropfen, die ich etwas verächtlich musternd entgegengenommen habe. Der junge Porsche-Werkfahrer neben mir haut den nervös zuckenden GT3 RS auf die oberste Spur der Steilwandkurve; 45-Grad-Winkel, mir kommt es vor wie 90 Grad. Obwohl der Asphalt vor uns bügelglatt aussieht, hüpft unser Gefährt wild, hat mein Pilot ständig am Lenkrad zu korrigieren. Die wirkenden Kräfte sind enorm; mein Blick nach links auf den Tacho wird zur anstrengenden Prozedur. 260 km/h. Und wir beschleunigen noch immer.
Dann pirschen wir aus der Steilwand herunter, mit 270 Sachen, ein Gefühl wie der freie Fall. Die erste Kurve zum Handling-Kurs wird hart angebremst, das Heck des Cup-Wagens dreht sich kreischend nach aussen. Mein Pilot lächelt mich von der Seite an, während er scheinbar willkürlich auf die eine und wieder auf die andere Seite lenkt und einen Bilderbuch-Drift nach dem andern vollführt. «Macht Spass, oder
», ruft er mir zu, zumindest glaub ich das. Ich kann nur nicken und strahlen, denn zum Daumenhochhalten rüttelt es mich zu sehr durch.

Spitzensportler für den Alltag

Der Grund für diese wilde Fahrt auf dem Hochgeschwindigkeitskurs Le Ceram (F) ist die Vorstellung des neuen Porsche GT3 RS, der am Automobilsalon in Paris Weltpremiere feierte, verbunden mit einer Präsentation der neuen Rennsportmodelle GT3 Cup und GT3 RSR. Ausserdem wurde das Basismodell, der bereits erhältliche GT3, den Journalisten näher gebracht.
Wer den Porsche 911 Carrera als reinen, kompromisslosen Sportwagen betrachtet, wird erstaunt sein, um wie viel härter, direkter und purer ein solches Gefährt sein kann. Der GT3 ist einiges straffer abgestimmt, und der noch puristischere GT3 RS ist so hart und direkt, dass nur angefressene Motorsportfans sich mit Genuss die Bandscheiben von dem gnadenlos durchschlagenden Fahrwerk malträtieren lassen werden.
Solche Fans gibt es allerdings viele: Schon das erste GT3-Modell 1999 war in zwei Monaten ausverkauft, das aktuelle Modell erfreut sich – vor allem auf dem Schweizer Markt – weiterhin grosser Beliebtheit. Seither feilte die Rennsportabteilung in Weissach stetig an der perfekten Synthese von Alltagstauglichkeit und Renntechnik.
Diese kommt besonders im Motorraum zur Geltung. GT3 und GT3 RS werden von einem 3,6-l-Sechszylinder-Saugmotor mit Trockensumpfschmierung (mit eigenem Öltank) angetrieben. Der hochgezüchtete Boxermotor dreht bis 8400/min und brilliert mit einer Höchstleistung von 305kW/415 PS bei 7600/min sowie einem maximalen Drehmoment von 405 Nm bei 5500/min; Daten, die noch vor sechs Jahren nur mit dem 911 Turbo realisierbar waren. Den Paradespurt von null auf 100 km/h schafft der GT3 in 4,3s, der 20kg leichtere RS braucht dazu eine Zehntelsekunde weniger.

Jedem das Seine

Im Interieur des GT3 mangelt es an nichts, das Cockpit basiert weitgehend auf dem des 911 Carrera. Armaturenträger, Türverkleidung und Dachhimmel sind mit edlem Alcantara beplankt, Navigationssystem und Klimaautomatik sind ebenso an Bord wie komfortable Sportsitze und eine ausgezeichnete Soundanlage. Er ist eine direktere, sportlichere Version des 911; jederzeit bereit für den Einsatz auf der Rennstrecke, aber ausreichend alltagstauglich, um damit in den Urlaub zu fahren.
Anders der GT3 RS: Zwei enge Schalensitze aus Kohlefaser-Verbundmaterial, ein geschraubter Überrollkäfig sowie Sechspunktgurte und Feuerlöscher dominieren hier das Bild. Wer dieses Geschoss kauft, will die Rennbahn, will Motorsport, will pure Leidenschaft. Trotz Strassenzulassung ist der GT3 RS vollgepackt mit Rennsporttechnik und ist unserer Meinung nach nicht für den Strassenverkehr geeignet; dafür ist er einfach zu brutal.
So viel Technik hat ihren Preis. Der Porsche GT3 kostet ab 159900 Fr., rund 42000 Fr. mehr als ein 911 Carrera. Der GT3 RS kostet ab 194700 Fr., also rund 4000 Fr. weniger als ein 911 Turbo. Preise, die einen Käufer zum Nachdenken anregen sollten, denn manchmal ist mehr eben doch weniger.Dave Schneider

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