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Santander kämpft gegen den Spanien-Malus

Die spanische Grossbank Santander kämpft gegen den Spanien-Malus. Nun hat sie ihre Mexiko-Tochter mit Erfolg an die Börse gebracht. Die Strategie der Bank ist stringent.

Santander ist ein Phänomen. Nicht von ungefähr wurde die spanische Grossbank im Juli von der Fachzeitschrift «Euromoney» zur besten globalen Bank gewählt. Diese Woche setzte sie einen weiteren Meilenstein: Sie brachte einen 25%-Anteil an der mexikanischen Tochter unter die Investoren. Es war das bislang bedeutendste Initial Public Offering (IPO) im lateinamerikanischen Land. Und das nach Facebook (FB 165.95 5.84%) zweitgrösste IPO des Jahrs 2012 überhaupt.

Doch die Investoren betrachten Santander häufig, als wäre sie einfach eine spanische Bank. Während die Aktien der mexikanischen Tochter am ersten Handelstag 7% stiegen, tauchten die des Mutterhauses 4,5% – die Rendite für zehn­jährige Staatsanleihen Spaniens waren über 6% geklettert, angetrieben von neuen Zweifeln an der Finanzkraft des Landes.

Wie UBS und CS zusammen

Santander ist mit einer Börsenkapitalisierung von umgerechnet 70 Mrd. Fr. die grösste Bank der Eurozone – und gerade etwa gleich viel wert wie UBS (UBSG 9.064 -0.07%) und Credit Suisse (Credit Suisse 7.998 -0.67%). Die Aktien sind seit Anfang 2009, parallel zur Verschlechterung des spa­nischen Immobilienmarkts, im Abwärtstrend, haben sich aber weitaus besser gehalten als die Papiere der beiden Schweizer Grossbanken.

Trotzdem scheint der Markt Santander wenig Kredit dafür zu geben, dass die Grossbank ohne Verluste durch die Finanzkrise gekommen und zu den am besten diversifizierten Universalbanken zu zählen ist. Der Gang an die Börse Mexikos entsprang nicht kurzfristigem Opportunitätsdenken, um sich Kapital zu beschaffen. Zur Strategie gehört seit langem, die Aktien der grössten Ländergesellschaften an der lokalen Börse zu kotieren. So ging Santander 2009 in Brasilien an die Börse, später in Chile und Polen. In Argentinien und in Grossbritannien wurde das IPO aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Keine andere internationale Grossbank, abgesehen vielleicht von HSBC (HSBA 461.3 -1.65%), ist in den aufstrebenden Märkten derart gut positioniert. Per Mitte Jahr erwirtschafteten die Töchter in den Schwellenländern mehr als die Hälfte des Konzerngewinns (vgl. Kuchengrafik). Die üppigen Gewinne in den Emerging Markets halfen der Bank, die wachsenden Rückstellungen für faule Immobilienkredite in Spanien und Por­tugal zu verdauen.

Kaufen und integrieren

Santanders Strategie ist klar. Sie hat zehn Kernmärkte definiert und strebt jeweils einen Marktanteil von mindestens 10% an. Auf diese Weise sollen Grössenvorteile genutzt werden. Spanien ist nur einer von acht Märkten, in denen die Grossbank das Ziel erreicht hat. Seit Ausbruch der Finanzkrise hat sie mehrere Banken in Grossbritannien und in Polen übernommen. Allein in Polen hat Santander dafür mehr als 5 Mrd. € aufgeworfen. Der Bank gelingt es immer wieder, Übernahme­objekte zu integrieren, ohne die Schlüsselzahlen zu verwässern.

In Sachen Effizienz macht kaum eine andere internationale Bank Santander ­etwas vor. Von einem Verhältnis Kosten zu Ertrag in der Grössenordnung von 45% können die Schweizer Grossbanken, die kaum unter 70% kommen, bloss träumen. Natürlich hilft das Geschäftsmodell, den Aufwand im Zaum zu halten. Santander hat nur ein vergleichsweise bescheidenes Private Banking und kaum ein Investment Banking. 86% des Gewinns stammen aus dem Retail- und dem Kommerzgeschäft.

Unter den spanischen Banken ragt Santander (zusammen mit BBVA) einsam heraus. Im ersten Semester wies die Bank einen Gewinn von 1,7 Mrd. € aus, nach Rückstellungen für gefährdete Ausleihungen von 1,4 Mrd. €. Der Gewinn vor Rückstellungen bewegt sich seit sechs Semestern stets zwischen 5,5 und 6,2 Mrd. € – eine notleidende Bank sieht anders aus. Bei der Präsentation des Halbjahres­ergebnisses stellte der charismatische und ­bauernschlaue VR-Präsident Emilio Botín (dessen Familie gemäss «Euromoney» etwa 2% Anteil an Santander hält) in Aussicht, dass ab 2013 keine Immobilienrückstellungen mehr nötig sein würden. Das Gesamtengagement in Liegenschaften hat Santander von 2008 von 43 Mrd. € auf etwa 20 Mrd. heruntergefahren, auf weniger als 10% aller Kundenausleihungen. Ziel ist eine weitere Reduktion des Immobilienexposures auf 14 Mrd. €.

Die aussergewöhnliche Stärke der Bank reflektiert sich in der Einstufung durch die Ratingagenturen: Das Rating ist mit A– (Standard & Poor’s) und A3 (Moody’s) eine Stufe höher als das von Spanien. Der Internationale Währungsfonds bescheinigte Santander im Juni, über genügend Kapital zu verfügen, um eine weitere Eintrübung der Wirtschaft absorbieren zu können.

Ins selbe Horn stiessen die Beratungsunternehmen Oliver Wyman und Roland Berger, die Spaniens Banken unter die Lupe nahmen und zum Schluss kamen, der Konzern benötige selbst unter Stressszenarien keine staatliche Unterstützung. Das ist in Spanien keine Selbstverständlichkeit (vgl. Seite 23). Botín versicherte, er sehe kein einziges Szenario, unter dem Santander direkte Staatshilfe bräuchte.

Aktien rentieren 10%

In den vergangenen fünfzehn Monaten hat die Bank ihr Kapitalpolster erheblich gestärkt. Die Mitte 2011 von der Euro­päischen Bankenbehörde EBA ausgemachte Eigenmittellücke von mehreren Milliarden Euro schloss sie innerhalb weniger Monate, indem sie u. a. Beteili­gungen in Lateinamerika abbaute. Das harte Kernkapital auf der Basis von Basel II betrug Mitte Juni 10%. Mit voraussichtlich 9,5% hartem Kernkapital nach Basel III 2013 bleibt Santander komfortabel im Mittelfeld der Grossbanken angesiedelt.

Natürlich sind die Risiken auf Iberiens Immobilienmärkten nicht zu vernachlässigen. Auch ist nicht auszuschliessen, dass das Geschäft in Lateinamerika dann zu lahmen beginnt, wenn sich Europa ­stabilisiert. Doch gibt es genug Gründe, die Santander-Aktien zumindest auf der Liste der beobachteten Titel zu führen. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 2013 von schätzungsweise 8 und einer vermutlich stabilen Dividendenrendite von 10% sind sie für risikoerprobte Anleger attraktiv.