Meinungen

Zwischen Isolation und Intervention

Afghanistan hat die USA ernüchtert: Der Export des westlichen Staatsmodells ist tückisch. Doch Washington wird seine globale Rolle nicht aufgeben. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Das Schicksalsjahr war 1898. Damals übernahmen die USA endgültig eine, ja: die Hauptrolle auf der Weltbühne, sei es als wohlwollender Polizist, sei es als ungenierter Imperialist.»

America First – Präsident Joe Biden scheint auf den Spuren seines Vorgängers zu wandeln. Zwanzig Jahre nach den Attacken auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington sind die USA desillusioniert und ermüdet, ganz besonders, was den missratenen Einsatz in Afghanistan anbelangt: Nur weg hier, hiess es in den vergangenen Wochen; die Weichen dafür hatte schon Donald Trump gestellt.

Der Abzug sei gleichbedeutend mit «ending an era of major military operations to remake other countries», umriss Biden seine Doktrin, Schluss mit der Sisyphusarbeit des «nation building». Selbstverständlich behielten sich die USA jedoch vor, jederzeit und überall einzugreifen, wo amerikanische Interessen auf dem Spiel stünden.

Das heisst: Lupenrein isolationistisch werden die USA auch unter Biden nicht sein, vielleicht nur etwas überlegter, zurückhaltender interventionistisch. Diese zwei Herzen schlagen seit langem in der amerikanischen Brust, und jede Regierung, egal ob demokratisch oder republikanisch, verfolgt immer beide Linien zugleich. Eine Zyklizität der zwei Tendenzen lässt sich nicht nachweisen; mit diesen unvereinbaren Ausrichtungen konfrontiert, wählen die USA stets beide.

Der Spanisch-Amerikanische Krieg als Wendepunkt

Das wird wohl so bleiben, denn die geostrategische Lage lässt es gar nicht zu, dass sich die USA auf ihre Kontinentalfestung zurückziehen und sich in eine wahrscheinlich kaum splendide Isolation begeben. Vielleicht hatten die Vereinigten Staaten am Ende des 19. Jahrhunderts durch ihre damals erreichte schiere Grösse – «from sea to shining sea» – und die sich daraus ergebenden Zwänge der Geografie einen Punkt erreicht, an dem ihre Verstrickung in die Weltpolitik (jenseits der Aufsicht über die beiden amerikanischen Kontinente gemäss der Monroe-Doktrin) unentrinnbar war.

Die USA hatten bereits in ihren «Jugendjahren» ab und zu Soldaten ausgeschickt, etwa kurz nach 1800, um die freie Schifffahrt vor (damals schon!) der libyschen Küste zu sichern, oder mehrmals (auch seinerzeit bereits, lange vor Allende) nach Chile; nach Mexiko natürlich, zwecks vorteilhafter Grenzziehung, auch nach Japan, um dessen Öffnung für den Handel zu erzwingen – was letztlich eine rasend rasche Modernisierung Japans, also den Aufbau eines künftigen Gegners, zur Folge hatte.

Das Schicksalsjahr war 1898. Damals übernahmen die USA endgültig eine Hauptrolle auf der Weltbühne, sei es als wohlwollender Polizist, sei es als ungenierter Imperialist, der seine eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen verfolgt (es ging in jenem Jahr schon nicht zuletzt darum, der amerikanischen Überschussproduktion neue Märkte zu erschliessen). Binnen nur 55 Tagen stiegen die USA zur Weltmacht auf – und das alte, mürbe Weltreich Spanien hatte ausgespielt; zu Ende des Jahres wurde das im Friedensvertrag von Paris festgeschrieben.

Von der Kolonie zum Imperium

Die amerikanischen Streitkräfte brachten damals, entscheidend dank der Flotte, auf der atlantischen Seite Kuba und Puerto Rico unter ihre Kontrolle, im Pazifik Guam und die Philippinen. Die Monroe-Doktrin der 1820er Jahre war noch ein defensives Konzept gewesen: die europäischen Kolonialmächte aus der amerikanischen Sphäre heraushalten – nun wandelten die Amerikaner sie offensiv um. Die Hoffnungen der Kubaner und Philippinos auf Unabhängigkeit wurden enttäuscht, was die bis heute anhaltenden Spannungen zwischen diesen Ländern und den USA teilweise erklärt. Apropos Philippinen: Hätten die USA nicht zugelangt, dann hätte höchstwahrscheinlich das deutsche Kaiserreich dort die Spanier abgelöst. Zeitgleich annektierten die USA die kurzlebige Republik Hawaii; bereits 1867 hatten sie dem Zarenreich Alaska abgekauft, im Rückblick eine Ouvertüre.

Nachdem der amerikanische Adler seine Schwingen weit über die Meere ausgebreitet hatte, war es aus Sicht der Navy nur folgerichtig, dass Washington 1902 den Franzosen deren steckengebliebenes Panamakanal-Projekt abkaufte und vollendete. Um diese unentbehrliche Wasserstrasse zu kontrollieren, sorgten die Amerikaner militärisch dafür, die neue, ihnen gefügige Republik Panama aus Kolumbien herauszulösen. Washington trat die Kanalzone erst Ende 1999 an Panama ab.

Die Debatten im Kongress und im amerikanischen Publikum anno 1898 waren hitzig. Die Begeisterung über die neue Kolonialpolitik Amerikas, das sich ja seinerzeit blutig der britischen Kolonialherren entledigt hatte, war keineswegs einhellig. Die Befürworter wollten um jeden Preis die Gelegenheit packen, den USA zu Weltgeltung und zu Weltmärkten zu verhelfen. Die Gegner versuchten, fast in eidgenössischem Stil, die USA aus fremden Händeln herauszuhalten und wollten das Land als christliches Vorbild, als «city upon a hill» leuchten lassen. Präsident William McKinley selbst war lau, eher Getriebener als Triebkraft, und liess sich am Ende von der kriegerischen Stimmung mitreissen. Dagegen lobbyierte sein Nachfolger, Theodore «Teddy» Roosevelt, nach Kräften für die Expansion und festigte später, als Herr im Weissen Haus, die globale Statur der USA.

Rückzug ausgeschlossen

Als ab 1914 in Europa die Kanonen donnerten, war die Lust im amerikanischen Publikum, in den halb vergessenen, fernen Ländern der Vorfahren für Ordnung zu sorgen, denkbar gering. Präsident Wilson hielt auf Neutralität und Vermittlungsdienste (auch eine schweizerische Position). Erst 1917 traten die USA in den Krieg ein: Der deutsche Generalstab war so tölpelhaft gewesen, die amerikanische Handelsmarine zu gefährden. Die enormen Ressourcen der USA entschieden das Ringen zügig, die Gefahr der Pickelhauben-Dominanz auf dem Alten Kontinent war beseitigt. Auch in den Zweiten Weltkrieg traten die USA erst spät ein, nach Pearl Harbor. Sie vertrieben die Japaner aus den besetzten Gebieten Asiens und halfen, die Nazis zu liquidieren. Danach bewahrten sie über Jahrzehnte den Westen Europas vor der Roten Armee und gingen aus dem Kalten Krieg vorübergehend als globaler Hegemon hervor.

Die Liste der weiteren Interventionen, ob nun offen militärisch oder verdeckt, ist ellenlang, und beileibe nicht alle waren erfolgreich, strategisch wirklich zwingend oder gar ehrenwert, ganz im Gegenteil. Vietnam etwa endete 1975 im Desaster, so wie jetzt das Engagement in Afghanistan. Das Land hat sich für die USA als «graveyard of empires» erwiesen, wie zuvor schon für die Briten und die Sowjets.

«Nation building» – Staatsaufbau, das war in Westdeutschland und Japan gelungen, weil es eben in erheblichem Mass ein Rebuilding war: Wesentliche Voraussetzungen waren gegeben, wovon im Hindukusch keine Rede sein konnte und kann. Für derlei unmögliche Missionen dürften die Amerikaner im Sinn der Biden-Doktrin für lange Zeit immunisiert sein. Schon Winston Churchill hatte gefrotzelt: «Man kann sich immer darauf verlassen, dass die Amerikaner das Richtige tun – nachdem sie alles andere ausprobiert haben.» Doch diese Amerikaner werden sich nicht zurückziehen, sondern, nach Bedarf, immer wieder intervenieren, vielleicht gar nicht anders können. Sollte etwa der neue Gigant China seinen 1898-Moment suchen und die Insel Taiwan gewaltsam heim ins Reich holen wollen, müssten die USA (und Japan, Südkorea, Singapur, Indien, Australien) die Geschütze laden. Sonst fänden die absehbar folgenden Schlachten vor Guam statt, und in Pearl Harbor. Das wäre dann ein Fall von America First.

Leser-Kommentare

Nader Rodolfo Fassbind 08.09.2021 - 09:49
Vielen Dank für Ihren lesenswerten Artikel. Mit “Sea” ist der Atlantik gemeint und mit “Shining Sea” der Pazifik. Auch nach dem Korea-Krieg wurde südlich der Demarkationslinie “Nation Building” mit Erfolg umgesetzt. Nicht zu vergessen ist auch der Amerikanisch-Mexikanische Krieg, wo Mexiko ein Drittel seines Territotiums vorlor. Die Amerikaner legen mit ihrem Zweiparteien-System jeweils den Schalter um und ändern ihre Politik… Weiterlesen »