Dave Schneider

Ein Zwölfzylindermotor in einer Luxuslimousine – darf man das heute noch? BMW sagt dazu klar «ja» und beweist mit dem 760i, wie es geht. Eine Reihe ausgeklügelter Detaillösungen – bei allen BMW-Modellen unter dem Begriff Efficient Dynamics zusammengefasst – trägt dazu bei, dass der Top-Siebener betreffend Verbrauch und Schadstoffemissionen nicht komplett zum Sündenbock verkommt. Wir fuhren den edlen Bayer, nicht bewusst sparsam und auch nicht besonders sportlich, und waren am Ende angenehm überrascht.

Dass der BMW 760i in der Schweiz in die schlechteste Energieeffizienzkategorie G eingestuft wird, ist nicht weiter verwunderlich. Der Treibstoffverbrauch nach EU-Normrunde von 12,9 l/100 km sowie der CO2-Ausstoss von 299 g/km sind in der heutigen Zeit einfach zu viel. Berücksichtigt man jedoch die enorme Leistung des Zwölfzylinders, die mächtigen Abmessungen sowie das Leergewicht von rund 2,2 Tonnen, so relativieren sich diese Werte. Da uns der Testwagen nur für eine kurze Dauer zur Verfügung stand, müssen wir auf die Angabe eines selbst gemessenen Verbrauchs verzichten; wer allerdings die gewaltige Kraft des V12 zu dosieren vermag, wird mit weniger als 14 l/100 km auskommen – und das ist kein schlechter Wert für dieses Auto.

Rundum souverän

Wer einen 760i ordert, der will ordentlich Power – die Modellpalette bietet nämlich auch andere starke Motoren, die weitaus weniger kostspielig sind, sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt. Der 6-l-V12-Benziner leistet dank Twinturboaufladung 400 kW/544 PS bei 5250 U/min – damit verkehrt der Siebener in einem exklusiven Club. Noch eindrücklicher ist allerdings das Drehmoment: Bereits ab 1500 Umdrehungen stehen gewaltige 750 Nm zur Verfügung – und dieses Drehmomentmaximum wird über einen breiten Drehzahlbereich, nämlich bis 5000 U/min, konstant gehalten.

Das Resultat ist dementsprechend: Der 2,2-Tönner schnellt quasi aus dem Stand mit einer atemberaubenden Vehemenz los und beschleunigt ohne Unterlass, erreicht Tempo 100 km/h in nur 4,6 s sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h. Diese ist – «gentleman like» – elektrisch begrenzt, sonst ginge die Beschleunigungsorgie noch weit darüber hinaus. Lob verdient auch die bei diesem Modell ausschliesslich erhältliche Achtstufenautomatik. Sie hält mit kaum wahrnehmbaren Schaltvorgängen stets die richtige Drehzahl bereit, ob nun für komfortables Cruisen oder für die Kurvenhatz. Bergab hält sie gekonnt das Tempo, wenn gewünscht kann über den Joystick manuell eingegriffen werden.Der neue Siebener fährt sich für eine mehr als 5 m lange Oberklasselimousine überraschend leichtfüssig und präzis – da macht auch der 760i keine Ausnahme. Es ist erstaunlich, wie flink sich das BMW-Flaggschiff ums Eck steuern lässt, wie exakt und gutmütig er sich in schnellen Kurven verhält. Der Federungskomfort ist – abgesehen von den Sport-Modi – auf hohem Niveau und auch ohne Luftfederung dieser Fahrzeugkategorie durchaus angemessen.Für den sportlichen Betrieb stehen zwei Sport-Modi zur Verfügung, in denen Lenkung, Gaspedal-Kennlinie, Getriebe und Fahrwerk angepasst werden. Im Sport-Plus-Modus hängt der BMW sehr direkt am Gas, die Gänge werden bis an den roten Bereich ausgedreht, die Dämpfer straff gestellt – der 760i verdient den Übernahmen M7 und würde auf jeder Rennstrecke eine gute Figur abgeben. Würde, denn kaum jemand fährt eine Luxuslimousine auf dem Rundkurs. Die enormen Kraftreserven sind «nice to have», wichtiger ist indes das klare Statement, das der 760i abgibt: Die zwei mächtigen Doppelendrohren in Trapezform sowie der V12-Schriftzug auf den Seiten machen Nachbarn, Geschäftspartnern und Passanten klar: Hier kommt die Topversion! Untermauert wird diese Nachricht vom grossartigen Klang des Zwölfzylinders, der allerdings – wie es sich in dieser Fahrzeugklasse gehört – im Innenraum kaum zu vernehmen ist.

Lange Preisliste

Was kann die Konkurrenz besser? Vielleicht gefällt die zugfreie Klimaanlage des VW Phaeton dem einen besser, vielleicht strahlt für andere die S-Klasse von Mercedes-Benz mehr individuellen Charme aus, einige wird das Entertainmentsystem im neuen Audi A8 mehr überzeugen und manchem mag das spezielle Design des neuen Jaguar XJ besser gefallen – alles in allem bietet der BMW Siebener aber ein stimmiges Gesamtpaket, das sich von keinem Vergleich zu verstecken braucht.

Auch verglichen mit den anderen Siebener-Versionen hat der 760i gute Argumente, wenn Verbrauch und Umweltschutz nicht zuoberst auf der Liste stehen. Denn abgesehen von Leistung und Image bietet er eine Reihe an zusätzlicher Ausstattung, die sonst nur gegen Aufpreis erhältlich sind: Angefangen bei der elektrisch öffnenden Heckklappe und dem schlüssellosen Zugang, über die Vierzonen-Klimaautomatik und den hervorragenden Komfortsitzen bis zum adaptiven Kurvenlicht oder dem Audiosystem mit 16 Lautsprechern bietet die Topversion eine reichhaltige Ausstattung. Dennoch kommt für den Kunden zum stolzen Basispreis von 199 800 Fr. noch einiges hinzu, denn auch bei der Topversion muss für Kinkerlitzchen wie beispielsweise einer Rückfahrkamera (630 Fr.), ein Skisack (530 Fr.), das nicht über alle Zweifel erhabene USB-Interface (450 Fr.) oder sogar das Raucherpaket (50 Fr.) extra bezahlt werden. Auch für empfehlenswerte Assistenzsysteme wie das Head-up-Display (2090 Fr.), der adaptive Tempomat (2980 Fr.) oder die Spurverlassenswarnung (870 Fr.) hält BMW die hohle Hand hin.

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