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Fintech
Der Bundesrat will jungen Unternehmen der Finanztechnologie den Markteintritt erleichtern. Das Gesetzesvorhaben stösst nicht bei allen auf Begeisterung.

Die Vernehmlassung für die neue Fintech-Gesetzgebung ist beendet. Bis Montag konnten Stellungnahmen zu den geplanten Massnahmen des Bundesrats abgegeben werden. «Der Bundesrat wird sich vor den Sommerferien mit dem Thema Fintech befassen», sagt Anne Césard, Sprecherin im Finanzdepartement, auf Anfrage.

Dann will die Regierung den Vernehmlassungsbericht veröffentlichen und entscheiden, ob sie die Änderungen der Bankenverordnung direkt umsetzen will. Dies betrifft beispielsweise die Einführung eines bewilligungsfreien Innovationsraums (Sandkasten) für Jungunternehmen.

Während diese Massnahmen auf dem Verordnungsweg relativ rasch umgesetzt werden können, muss für die dritte Massnahme, die sogenannte Banklizenz light, das Parlament das Bankengesetz ändern.

Darum könnte der Bundesrat laut Césard hier auf eine separate Botschaft verzichten. «Das identische Anliegen kann mit Fidleg/Finig im Parlament schneller umgesetzt werden», sagt sie. Das Finanzdienstleistungsgesetz (Fidleg) und das Finanzinstitutsgesetz (Finig) kommen in der Herbstsession ins Parlament.

Neue vs. alte Welt

Dass der Bundesrat beim Thema Fintech aufs Tempo drückt, schmeckt nicht jedem. «Somit scheinen die Stellungnahmen der Vernehmlassungsadressaten zu spät zu kommen, um noch Einfluss auf Änderungen des Bankengesetzes zu nehmen», kritisiert der Verband Schweizerischer Kreditbanken und Finanzierungsinstitute (VSKF) in seiner Stellungnahme.

Grundsätzlich lassen sich nach der Vernehmlassung zwei Lager ausmachen. Die Meinungen gehen zwischen der neuen und der alten Banking-Welt auseinander.

Auf der einen Seite stehen die jungen Wilden in Form der Fintech-Start-ups und ihrer Verbände. Ihnen greift die Vorlage zu kurz. Sie fordern «weitere Massnahmen zur Förderung innovativer Geschäftsmodelle», wie der Verband Swiss Finance Startups (SFS (SFSN 111.1 -0.71%)) schreibt.

Doch zunächst: Was schlägt der Bundesrat konkret vor? Seine Fintech-Regulierung besteht aus drei Säulen.

Die erste Säule (links) betrifft vor allem Crowdfunding-Plattformen. Sie hatten bisher das Problem, dass sie eine Banklizenz brauchten, wenn sie Einlagen von mehr als zwanzig Kunden über sieben Tage lang auf einem Abwicklungskonto verwahren wollten.

Neu soll eine Frist von sechzig Tagen für Abwicklungskonten gelten. Zudem soll die 20er-Regel stark aufgeweicht werden. Neu dürfen unbeschränkt viele Publikumseinlagen bis zu einem Gesamtwert von 1 Mio. Fr. entgegengenommen werden.

Der Bundesrat schafft damit einen bewilligungsfreie Raum für Jungunternehmen, einen sogenannten Sandkasten (mittlere Säule der Grafik), in dem die Unternehmen nicht von der Finma beaufsichtigt werden.

Wächst ein Fintech-Unternehmen aus dem Sandkastens hinaus, soll es neu eine spezielle Fintech-Lizenz (Säule rechts), auch Banklizenz light genannt, beantragen können. Dazu muss es sich auf die reine Entgegennahme von Publikumseinlagen (max. 100 Mio. Fr.) beschränken. Es darf die Gelder also nicht als Kredite ausleihen oder anlegen.

Direkter Zugang zur Nationalbank

Der SFS fordert nun eine Fristverlängerung auf neunzig Tage, da viele Crowdfunding-Kampagnen über drei Monate laufen. Der Sandkasten soll ausgebaut werden und die Entgegennahme von bis zu 10 Mio. Fr. Kundengeldern möglich sein. Zudem soll die 20er-Regel komplett abgeschafft werden.

Ähnlich lesen sich die Stellungnahmen der Swiss Finance + Technology Association (SFTA) und der CFA Society Switzerland, die aufgrund personeller Überschneidungen in diesen Verbänden tatsächlich identisch sind.

SFTA fordert für die Besitzer der Fintech-Lizenz gar einen direkten Zugang zur Schweizerischen Nationalbank (SNB (SNBN 1931 0.84%)), sprich den Anschluss an das System des schweizerischen Zahlungsverkehrs, so wie Vollbanken ihn haben.

«Keine Techie-Messe und nicht Hollywood»

Den Start-up-Vertretern stehen die verschiedenen Verbände der etablierten Finanzindustrie gegenüber – die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg), der Verein Schweizerischer Vermögensverwaltung (VSV), der Kantonalbankenverband, der Zürcher Bankenverband oder der erwähnte VSKF.

Sie alle pochen gegenüber dem Bundesrat auf die Einhaltung gleich langer Spiesse. «Es soll keine Wettbewerbsverzerrung zulasten etablierter Akteure stattfinden», schreibt der SBVg.

Es dürfe keine Ausnahmen vom Geldwäschereigesetz oder vom Konsumkreditgesetz für die jungen Unternehmen geben. Auch die Aufsicht dürfe keine andere sein als für die etablierten Player. «Es ist kein sachlicher Grund ersichtlich, weshalb speziell neue Anbieter gegenüber bereits bestehenden gefördert werden sollen», schreibt der VSKF

Zudem solle mit neuen Bewilligungskategorien keine Industriepolitik betreiben werden. «Finanzmarktaufsicht ist keine Techie-Messe und nicht Hollywood», schreibt der VSV. Bewilligungen sollen nicht zu Awards verkommen.

Vernachlässigte Themen

Es wird spannend sein zu sehen, ob diese Trennlinien auch in einer parlamentarischen Debatte zum Thema auftauchen werden. Worin sich beide Seiten einig sind: Das bundesrätliche Regulierungsbestreben ist Stückwerk. Es fehlen z.B. die Themen Blockchain, elektronische ID, Big Data oder das Internet der Dinge.

Der  Verband Swiss Fintech Innovations (SFTI) plädiert deshalb für die Entwicklung einer Gesamtstrategie, die alle relevanten Akteure, Prozesse und Dienstleistungen punkto Digitalisierung der Finanzindustrie erfasst.

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Die Start-up-Alternative zur Gemeindefinanzierung

Valentin Ade
Loanboox ist erst ein gutes halbes Jahr am Start und vermittelt bereits Kreditgesuche von Kantonen und Gemeinden in Milliardenhöhe.

Es war eine «Liegestuhlidee», sagt Stefan Mühlemann, Gründer und CEO von Loanboox. In den Ferien kam ihm der Einfall für eine Plattform, die Gemeinden und Kantone auf der einen Seite und Geldgeber auf der anderen Seite zusammenbringen soll.

Punkto Finanzierungen kennt sich Mühlemann aus. 2006 gründete er Pro Ressource, eine Gesellschaft zur Beratung und Optimierung insbesondere von grösseren Immobilienfinanzierungen für Private und Unternehmen.

2014 erkannte Mühlemann dann das Potenzial, das in der Finanzierung von Gebietskörperschaften für einen neuen digitalen Player steckt. «Der Markt ist für Gemeinden und Kantone mit grossem Aufwand verbunden, er ist intransparent, teuer und unsicher.» Die Gebietskörperschaften sind auf Banker und Broker angewiesen, bei denen sie teilweise noch schriftlich Angebote einholen müssen.

Den Crowdlending-Markt geschlagen

Der Markt war reif, aufgemischt zu werden. Mit dem Anfangserfolg, der sich dann einstellte, hatte Mühlemann allerdings nicht gerechnet. Seit September 2016 ist Loanboox am Markt, und Finanzierungsanfragen mit einem Volumen von über 2 Mrd. Fr. wurden bereits aufgeschaltet.

Zum Vergleich: Laut Schweizerischer Nationalbank hatte die öffentliche Hand bei inländischen Banken im Februar 2017 23,8 Mrd. Fr. an Krediten ausstehen. Die Schulden der öffentlichen Hand (Bund, Kantone, Gemeinden und Sozialversicherungen) beliefen sich laut Bundesamt für Statistik 2015 auf rund 220 Mrd. Fr.

Das Loanboox-Volumen ist ebenfalls bemerkenswert, wenn man beachtet, wie zaghaft sich Crowdlending-Start-ups bisher entwickelt haben. Der gesamte Crowdlending-Markt Schweiz wird von der Hochschule Luzern (HSLU) auf nur 7,9 Mio. Fr. in 2015 taxiert (aktuelle Zahlen präsentiert die HSLU im Mai).

Wobei fairerweise bemerkt werden muss: Loanboox vermittelt nicht Kredite von einer Vielzahl von privaten Geldgebern. In den meisten Fällen steht hinter einem Darlehen auf der Loanboox-Plattform ein einziger professioneller Investor, der vom Kreditnehmer aus mehreren Angeboten ausgewählt wird.

Tiefere Kosten und ein gratis Vertriebskanal

Die bisher über Loanboox vermittelten Kredite haben einen Umfang zwischen 1 und 100 Mio. Fr., der Durchschnitt liegt bei 13 Mio. Fr. Die Plattform schafft zum einen Transparenz. Die Kreditnehmer, über dreihundert Gebietskörperschaften, die bisher 40% der Schweizer Bevölkerung vertreten, können zwischen verschiedenen Angeboten wählen.

Zum anderen sinken dadurch die Kosten. «Wir nehmen 90% der bisherigen Kosten aus dem Prozess», sagt Mühlemann. Im jetzigen Markt könnten so laut dem Gründer 850 Mio. Fr. an Gebühren eingespart werden. Denn versteckte Gebühren seien mit Loanboox nicht zu machen.

Für die Kreditgeber, rund hundert Versicherungen, Pensionskassen und Banken, bietet sich auf der anderen Seite ein gratis Vertriebskanal. Loanboox selbst erhebt einen Basispunkt pro Laufzeitjahr als Gebühr von den Kreditnehmern.

Andreas Dietrich, Professor an der HSLU und Fintech-Experte, urteilt: Das Geschäftsmodell ist «bisher einzigartig und überzeugt vor allem durch die Einfachheit und die tiefen Kosten». Bereits im Februar stellte Dietrich das Start-up auf seinem HSLU-Blog vor.

Deutschland im Visier

Bei einem derartigen Anfangserfolg sind Investoren nicht weit. Er hätte schon einige Anfragen von investitionsfreudigen Banken und Wagniskapitalgebern erhalten, sagt Mühlemann. Nach vier sogenannten Seed-Runden – Finanzierungszyklen, bei denen Startkapital vor allem aus dem nahen Umfeld aufgenommen wird – will Mühlemann in den nächsten Tagen eine Serie-A-Runde starten, bei der sich professionelle Investoren beteiligen.

Welchen Betrag er dabei anpeilt, möchte Mühlemann nicht preisgeben, wofür das Geld verwendet werden soll, ist hingegen klar: Wachstum. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Als erster Markt wird Deutschland ins Visier genommen, ein Länderverantwortlicher ist bereits eingestellt. Konkurrenz existiert dort, wie auch in der Schweiz, bisher nicht. Aber genau deswegen ist jetzt Schnelligkeit gefragt.

Denn das erfolgreiche Konzept könnte schnell Nachahmer finden. Deswegen geht es Loanboox darum, nun rasch noch mehr Kreditnehmer und Kreditgeber auf ihre Seite zu bringen, um alsbald schwarze Zahlen zu schreiben und sich als Nummer 1 im Markt zu etablieren.

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Lufax zeigt Chinas Fintech den Weg

Ernst Herb
Die P2P-Onlinebank ist zur ernsthaften Konkurrenz für die etablierten Institute geworden und steuert auf den grössten Börsengang des Jahres zu.

«Das Online-Geschäftsmodell funktioniert sehr wohl, es kann allerdings sehr gut möglich sein, dass Ihre Internetplattform ein Flop ist», sagte diese Woche James Zheng, der Finanzchef von Lufax, der führenden chinesischen internetgestützten Peer-to-Peer-Kreditplattform (P2P), einem von Investoren, Bankern und Unternehmern zusammengesetzten Publikum.

Als Beispiel führte Zheng den amerikanischen Onlineriesen Amazon (AMZN 995.78 0.24%) an, dessen jährlicher Umsatz dem der sieben grössten US-Einzelhandelsketten entspricht, die alle selbst schon längst Waren auch über das Internet vermarkten. Dass sie bisher aber nicht zu Amazon aufschliessen konnten, habe nichts mit fehlendem Know-how, sondern mit dem Mangel an Kundendaten zu tun.

Gerade hier liegt aber die Stärke von Lufax, eine Tochter der Ping An Group. Der mit einer Marktkapitalisierung von 778 Mrd. HK-$ (100 Mrd. $) grösste kotierte chinesische Versicherungskonzern zählt allein in seinem traditionellen Geschäftsbereich 131 Mio. Kunden.

Zusätzlich dazu kommen 346 Mio. Benutzer seiner acht Online-Finanzdienstleister. «Dank dem können wir auf einen enormen Datenschatz zurückgreifen und ihn in kurzer Zeit verarbeiten», führte Zheng an einer von der Credit Suisse (CSGN 13.61 -0.58%) veranstalteten Investorenkonferenz aus.

Von den Reichen zu den Armen

Das gerade einmal fünf Jahre alte Unternehmen weist denn auch ein entsprechend rasantes Wachstum auf. Die 2016 auf www.LU.com abgewickelten Finanztransaktionen lagen mit insgesamt 5,7 Bio. Yuan ( 750 Mrd. $) 280% höher als im Jahr zuvor.

Die Dynamik im Kerngeschäft wird vor allem auch von der sehr zurückhaltenden Kreditvergabe der traditionellen Banken an Privatkunden angetrieben. Das trifft insbesondere auf Geringverdiener in ärmeren Gegenden zu.

Das macht sich etwa dadurch bemerkbar, dass zwei Drittel der von Lufax vermittelten Kredite aus der reichen Ostküste stammen und in die  weniger entwickelten Gegenden im Westen des Landes fliessen.

Auch Schnelligkeit ist gemäss Zheng ein wichtiger Wachstumsfaktor. Mit Sicherheiten hinterlegte Kredite werden innerhalb von fünf Minuten, ungesicherte innerhalb von 24 Stunden erteilt. Traditionelle Banken benötigen für solche Transaktionen oft mehre Wochen.

Die Branche konsolidiert sich

Die P2P-Plattformen fördern wie von der Regierung gewollt den Konsum gerade auch in ländlichen Gebieten. Nach Meinung des Lufax-Finanzchefs ist die Branche gerade deshalb in kurzer Zeit zu einem ernsthaften Konkurrenten der traditionellen Finanzdienstleister geworden. Dabei befindet sich nicht nur sein Unternehmen, sondern der gesamte chinesische Fintech-Sektor weiterhin im rasanten Wandel.

Lufax etwa will nicht nur vermehrt im Wealth-Management-Geschäft, sondern auch ins Ausland expandieren. Vor allem findet eine Konsolidierung der ganzen Branche statt. Mitte 2016 gab es in China 4000 P2P-Plattformen, wobei viele keinen Gewinn machten oder in Skandale verwickelt waren.

Dagegen sind die Aufsichtsbehörden mittlerweile mit höheren Compliance-Anforderungen eingeschritten. Zheng geht davon aus, dass es bis Ende des laufenden Jahres noch 200 bis 300 P2P-Banken geben wird.

Geschätzter Wert von 18 Mrd. $

Trotz des Erfolgs steht der chinesischen Fintech-Branche der grosse Härtetest noch bevor. Zheng weist darauf hin, dass sie weiterhin in ihrem ersten Kreditzyklus steckt. Doch Lufax dürfte dank ihrer starken Marktposition und dem Rückhalt der Mutter zukünftige mögliche Umsatzeinbrüche besser meistern als die kleineren Konkurrenten.

Als sich Lufax Anfang 2016 neues Kapital im Wert von 1 Mrd. $ beschaffte, wurde der Wert des Unternehmens auf 18 Mrd. $ geschätzt. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass die Gesellschaft einen Börsengang in Hongkong anstrebt.

Zheng hat dies an der Credit-Suisse-Konferenz bestätigt, doch wollte er sich dabei nicht auf einen genauen Zeitpunkt festlegen. Es wird erwartet, dass das IPO dem Unternehmen 5 Mrd. $ in die Kasse spülen wird. Damit wäre das der wahrscheinlich grösste Börsengang in Hongkong im laufenden Jahr.

Finanzplatz 4.0 – Es fehlt an digitaler DNA

Christina Kehl
Im Zeitalter der Digitalisierung und der Globalisierung muss der Finanzplatz endlich zurück zur urschweizerischen Unternehmermentalität. Die Verwalter haben ausgedient.

Die Schweiz steht für Innovation und Fortschritt, für Unternehmertum und Erfindergeist. Im letzten Jahr belegte die Schweiz im Global Innovation Index erneut Platz eins, noch vor UK, den USA oder Singapur. Innovation und Fortschritt sind also Teil der Schweizer DNA.

Damit sollte das Zeitalter der Digitalisierung doch der grösste jemals dagewesene Chancenbringer für die Schweiz sein. Ein Zeitalter, in dem eben gerade nicht Bodenschätze zählen oder Grösse, sondern eines, in dem der wichtigste Rohstoff Innovationskraft heisst. Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit mitten in der industriellen Revolution 4.0, für die Schweiz doch eigentlich ein Idealszenario.

Wie kommt es dann, dass der Finanzplatz Schweiz in internationalen Rankings nicht annähernd so gut abschneidet, wie man es erwarten könnte? Im Jahr 2007 wurde erstmalig eine Rangliste der internationalen Finanzplätze erstellt, der Global Finance Center Index (GFCI).

Damals belegte Zürich Platz fünf, und auch Genf war in den Top Ten der weltweit führenden Finanzplätze zu finden. Heute, zehn Jahre später, sieht dies schon anders aus. Im aktuellen GFCI ist Genf nur noch unter «ferner liefen» zu finden (Platz 23), und selbst Zürich droht aus den Top Ten zu rutschen (derzeit Platz neun). Woran kann das liegen? Wieso verliert die Schweiz im Zeitalter der Digitalisierung ausgerechnet auf dem Spielfeld der Finanzen?

Nun lassen sich Rankings immer anzweifeln, und die Schweiz wäre nicht die Schweiz, könnte sie nicht ihre eigenen Studien verfassen. So hat das Institut für Finanzdienstleistungen in Zug (IFZ) der Hochschule Luzern kurzerhand selbst ein Ranking erstellt, Zürich und Genf die Plätze zwei und drei zugewiesen und sie damit zu den weltweit vielversprechendsten Fintech Hubs erklärt, direkt nach Singapur. Selbst London, New York oder Hongkong erscheinen hier abgeschlagen. Also (ALSN 131.3 -0.53%) doch alles in Ordnung?

Potenzial allein reicht nicht aus

Ich will die Zahlen überhaupt nicht anzweifeln, denn vom grossen Potenzial des Finanzplatzes Schweiz bin ich auch ohne IFZ-Ranking komplett überzeugt. Allerdings ist Potenzial allein doch völlig irrelevant, wenn es nicht genutzt wird. Es ist doch eindeutig, dass andere Standorte ihr vermeintlich geringeres Potenzial in der Realität besser auf den Boden bringen.

Der Wandel ist mittlerweile kein Zukunftsszenario mehr, sondern wirkt sich bereits direkt aus. Das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) hat Ende März die aktuellen Kennzahlen des Schweizer Finanzplatzes veröffentlicht. Und einmal mehr ist zu erkennen, dass der Bankenplatz der Schweiz schrumpft.

Viel gravierender zeigt sich, dass die Wertschöpfung im Bereich der Finanzdienstleistungen bereits um ein Viertel abgenommen hat innerhalb der letzten zehn Jahre. Um diese Wertschöpfung geht es. Wir müssen den Finanzplatz als Ganzes betrachten und die Wertschöpfung im Land bewahren. Dafür werden wir alte Muster aufbrechen müssen und wieder urschweizerisch, nämlich unternehmerisch handeln müssen.

Unternehmer statt Verwalter

In der Schweiz wird schon viel zu lange der bestehende Erfolg verwaltet. Die Gründergenerationen des Finanzplatzes sind passé, ihre Nachfolger sind Verwaltungsräte und CEO, die innerhalb der sicheren Strukturen von erfolgreichen Grossunternehmen die Karriereleiter erklommen haben.

Sie haben gelernt, dass es am erfolgversprechendsten ist, bestehende Regeln nicht in Frage zu stellen, sondern lediglich ideal zu nutzen. Die meisten heutigen Bankmanager waren nie in der Situation, Prozesse aus dem Nichts selbst aufbauen zu müssen und dadurch neu zu denken.

«Never change a running system» – das System der Schweiz lief gut, man passte sich an, optimierte hier und da und hielt die Maschine am Laufen. Jetzt kommen wir aber an den Punkt, an dem die laufende Maschine selbst zum Auslaufmodell wird. Und was jetzt?

Digitalisierung verlangt eine Veränderung der Unternehmens-DNA

Banken wissen, dass sie innovativ sein müssen und irgendwie digitaler. Deshalb richten sie fleissig Innovationsabteilungen ein, erfinden neue Positionen wie Change Maker, Digitization Director, setzen Labs, Inkubatoren, Acceleratoren und so weiter auf. Aber all diese Neuerungen laufen stets auf den gleichen alten Schienen. Ein Ausbrechen nach links oder rechts ist so gar nicht möglich.

Der «Tages-Anzeiger» schrieb kürzlich treffend, dass die tech-getriebene Wirtschaft zwar immer jünger werde, die Verwaltungsräte aber weiter grau blieben. Nun hängt Erfolg nicht von Jugend ab, dennoch ist in Frage zu stellen, ob eine Bank, in deren Chefetage kein einziger Digital Native zu finden ist, die Digitalwende tatsächlich schaffen kann.

Es reicht nicht, Innovationsabteilungen in die Unternehmenshierarchie ein- oder anzugliedern. Die Digitalisierung ist mit einem evolutionären Sprung zu vergleichen und verlangt eine Veränderung in der DNA eines Unternehmens. Diese Veränderung kann nur an oberster Stelle beginnen.

Eine einzelne Unternehmensabteilung – Innovation Unit, Fintech Lab oder sonst wie benannt – wird es nie schaffen, den Wandel seitwärts oder von unten nach oben in die Firma zu tragen. Wenn der angestellte «Change Maker» seine Konzepte stets bei der Chefetage erklären und pitchen muss, hat man schon verloren.

Eine Bank, die es ernst meint mit der digitalen Evolution, muss ihren Verwaltungsrat und ihre Management-Etage digital besetzen und top-down das gesamte Unternehmen mit digitaler DNA durchziehen. Es ist in der Verantwortung der Chefetage, die Mitarbeiter auf diesen Wandel mitzunehmen – nicht umgekehrt.

KMU erkennen Nutzen digitaler Bankangebote (noch) nicht

Andreas Dietrich und Christoph Duss
Nach vermehrten Digitalisierungsbemühungen im Retail Banking und in der Vermögensverwaltung haben erst vereinzelte Banken in der Schweiz damit begonnen, ihr Firmenkundengeschäft zu digitalisieren.

Der technologische Fortschritt, das dadurch veränderte Kundenverhalten und der Eintritt neuer Wettbewerber veranlassen viele Banken dazu, sich vermehrt mit dem Thema Digitalisierung und den damit verbundenen Chancen und Risiken auseinanderzusetzen.

Neben dem Retail Banking und der Vermögensverwaltung werden diese Entwicklungen künftig auch das Firmenkundengeschäft beeinflussen. Schweizer Banken können sich diesen Geschehnissen nicht entziehen und müssen sich rechtzeitig mit neuen digitalen Angeboten in diesem Bereich auseinandersetzen.

Um das Interesse nach solchen Angeboten auf der Kundenseite zu eruieren, wurde in Zusammenarbeit mit dem Swisscom-Thinktank E-Foresight und mit sechs Banken eine Umfrage unter Schweizer KMU-Firmenkunden durchgeführt.

Diese mussten den Nutzen von verschiedenen Dienstleistungen und Produkten im digitalen Firmenkundengeschäft einschätzen: Neue Funktionalitäten im E-Banking, innovative Kommunikationskanäle, neue digitale Lösungen in den Bereichen Zahlen und Finanzieren sowie sonstige banknahe Dienstleistungen.

Neue innovative Kanäle sind gefragt

Wie sich zeigte, erachten die befragten Firmenkunden vor allem transaktionsbezogene und Selbstadministrationsfunktionen im E-Banking als nützlich. Diese sollen insbesondere den Alltag von KMU erleichtern und deren Prozesse verbessern.

Dazu zählen beispielsweise eine personalisierbare Einstiegsseite, die Anbindung von Buchhaltungsprogrammen oder ein digitales Vertragsarchiv mit allen Bankverträgen. Solche Dienstleistungen werden derzeit praktisch noch von keiner Bank angeboten. Es ist aus Bankensicht aber ratsam, solche gegen aussen hin teilweise unspektakuläre Massnahmen zu verfolgen und in diese Projekte zu investieren.

Bei den Kommunikationskanälen wurde der Fokus insbesondere auf neue innovative Kanäle gelegt, wie z.B. Web-Chats oder Video-Beratung. Die grosse Mehrheit der KMU findet darin nur einen begrenzten Nutzen.

Das würde auch dafür sprechen, dass sich ein typischer Firmenkunde vor allem bei komplexeren Problemen direkt und persönlich an seine Bank wendet. Es scheint, dass diese Anliegen nach wie vor nicht per Chat oder Video gelöst werden möchten, sondern über den persönlichen Kontakt.

Digitales Zahlen wird an Relevanz gewinnen

Neben dem E-Banking sind digitale Zahlungsmöglichkeiten von den Befragten als sehr relevant bewertet worden. Es zeigte sich, dass Zahlungslösungen für Web-Shops, die Akzeptanz von mobilen Zahlungen sowie mobile Bezahl-/Kartenterminals in etwa gleich nützlich sind.

Letztlich hängt der beigemessene Nutzen für Zahlungslösungen auch vom Geschäftsmodell und der Branche ab, in welcher ein Unternehmen tätig ist. Trotzdem ist davon auszugehen, dass die Relevanz von digitalen Zahlungslösungen zukünftig noch steigen wird, da die Themen E-Commerce und Mobile Payment an Bedeutung gewinnen werden.

Im Themenblock Finanzieren ging es grösstenteils darum, die Digitalisierung des Finanzierungsprozesses zu bewerten. Am relevantesten erachten KMU hier das Online-Abschliessen von Festgeldern und die Online-Eröffnung von Geschäftskonten.

Zudem hat sich herausgestellt, dass die Online-Verlängerung/Ablösung von Krediten als nützlicher erachtet wird als der Online-Neuabschluss. Da eine Verlängerung im Vergleich zum Neuabschluss in der Regel weniger kompliziert ist, scheinen die Befragten eher daran interessiert zu sein, diesen Vorgang online abschliessen zu können.

Beschränkter Nutzen von digitalen Dienstleistungen

Bei den banknahen Dienstleistungen mussten die KMU den Nutzen von Produkten und Dienstleistungen eruieren, die nicht direkt zum Kerngeschäft von Banken gehören, jedoch teilweise von ihnen angeboten werden.

Dazu gehören zum Beispiel Online-Treuhandangebote oder Online-Versicherungen. Grundsätzlich sind diese nur von sehr wenigen Firmenkunden erwünscht. Die Idee von Allfinanz-Anbietern ist aus Kundensicht also nach wie vor kein Bedürfnis.

Insgesamt veranschaulicht die Umfrage, dass die befragten Firmenkunden in den meisten digitalen Produkten und Dienstleistungen nur einen beschränkten Nutzen sehen. Dieses allgemein geringe Interesse kann entweder darauf zurückgeführt werden, dass die Unternehmen mit den aktuellen Angeboten der Banken zufrieden sind, oder sie können den Zusatznutzen von neuen digitalen Funktionalitäten und Produkten, die sie noch nie testen konnten, nur schwer einordnen.

Trotzdem wird die Digitalisierung auch im Firmenkundengeschäft stärker Eingang finden. Schweizer Banken stehen mit ihren Digitalisierungsbemühungen in diesem Segment zurzeit aber noch am Anfang.

Hinweis: Die komplette Studie «Digitales Firmenkundengeschäft: Heutiger Stand und zukünftige Entwicklung» kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

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