Blog Fintech
11:40 - 10.04.17

Lufax zeigt Chinas Fintech den Weg

Ernst Herb
Die P2P-Onlinebank ist zur ernsthaften Konkurrenz für die etablierten Institute geworden und steuert auf den grössten Börsengang des Jahres zu.

«Das Online-Geschäftsmodell funktioniert sehr wohl, es kann allerdings sehr gut möglich sein, dass Ihre Internetplattform ein Flop ist», sagte diese Woche James Zheng, der Finanzchef von Lufax, der führenden chinesischen internetgestützten Peer-to-Peer-Kreditplattform (P2P), einem von Investoren, Bankern und Unternehmern zusammengesetzten Publikum.

Als Beispiel führte Zheng den amerikanischen Onlineriesen Amazon (AMZN 918.38 1%) an, dessen jährlicher Umsatz dem der sieben grössten US-Einzelhandelsketten entspricht, die alle selbst schon längst Waren auch über das Internet vermarkten. Dass sie bisher aber nicht zu Amazon aufschliessen konnten, habe nichts mit fehlendem Know-how, sondern mit dem Mangel an Kundendaten zu tun.

Gerade hier liegt aber die Stärke von Lufax, eine Tochter der Ping An Group. Der mit einer Marktkapitalisierung von 778 Mrd. HK-$ (100 Mrd. $) grösste kotierte chinesische Versicherungskonzern zählt allein in seinem traditionellen Geschäftsbereich 131 Mio. Kunden.

Zusätzlich dazu kommen 346 Mio. Benutzer seiner acht Online-Finanzdienstleister. «Dank dem können wir auf einen enormen Datenschatz zurückgreifen und ihn in kurzer Zeit verarbeiten», führte Zheng an einer von der Credit Suisse (CSGN 15.25 -2.93%) veranstalteten Investorenkonferenz aus.

Von den Reichen zu den Armen

Das gerade einmal fünf Jahre alte Unternehmen weist denn auch ein entsprechend rasantes Wachstum auf. Die 2016 auf www.LU.com abgewickelten Finanztransaktionen lagen mit insgesamt 5,7 Bio. Yuan ( 750 Mrd. $) 280% höher als im Jahr zuvor.

Die Dynamik im Kerngeschäft wird vor allem auch von der sehr zurückhaltenden Kreditvergabe der traditionellen Banken an Privatkunden angetrieben. Das trifft insbesondere auf Geringverdiener in ärmeren Gegenden zu.

Das macht sich etwa dadurch bemerkbar, dass zwei Drittel der von Lufax vermittelten Kredite aus der reichen Ostküste stammen und in die  weniger entwickelten Gegenden im Westen des Landes fliessen.

Auch Schnelligkeit ist gemäss Zheng ein wichtiger Wachstumsfaktor. Mit Sicherheiten hinterlegte Kredite werden innerhalb von fünf Minuten, ungesicherte innerhalb von 24 Stunden erteilt. Traditionelle Banken benötigen für solche Transaktionen oft mehre Wochen.

Die Branche konsolidiert sich

Die P2P-Plattformen fördern wie von der Regierung gewollt den Konsum gerade auch in ländlichen Gebieten. Nach Meinung des Lufax-Finanzchefs ist die Branche gerade deshalb in kurzer Zeit zu einem ernsthaften Konkurrenten der traditionellen Finanzdienstleister geworden. Dabei befindet sich nicht nur sein Unternehmen, sondern der gesamte chinesische Fintech-Sektor weiterhin im rasanten Wandel.

Lufax etwa will nicht nur vermehrt im Wealth-Management-Geschäft, sondern auch ins Ausland expandieren. Vor allem findet eine Konsolidierung der ganzen Branche statt. Mitte 2016 gab es in China 4000 P2P-Plattformen, wobei viele keinen Gewinn machten oder in Skandale verwickelt waren.

Dagegen sind die Aufsichtsbehörden mittlerweile mit höheren Compliance-Anforderungen eingeschritten. Zheng geht davon aus, dass es bis Ende des laufenden Jahres noch 200 bis 300 P2P-Banken geben wird.

Geschätzter Wert von 18 Mrd. $

Trotz des Erfolgs steht der chinesischen Fintech-Branche der grosse Härtetest noch bevor. Zheng weist darauf hin, dass sie weiterhin in ihrem ersten Kreditzyklus steckt. Doch Lufax dürfte dank ihrer starken Marktposition und dem Rückhalt der Mutter zukünftige mögliche Umsatzeinbrüche besser meistern als die kleineren Konkurrenten.

Als sich Lufax Anfang 2016 neues Kapital im Wert von 1 Mrd. $ beschaffte, wurde der Wert des Unternehmens auf 18 Mrd. $ geschätzt. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass die Gesellschaft einen Börsengang in Hongkong anstrebt.

Zheng hat dies an der Credit-Suisse-Konferenz bestätigt, doch wollte er sich dabei nicht auf einen genauen Zeitpunkt festlegen. Es wird erwartet, dass das IPO dem Unternehmen 5 Mrd. $ in die Kasse spülen wird. Damit wäre das der wahrscheinlich grösste Börsengang in Hongkong im laufenden Jahr.

10:49 - 05.04.17

Finanzplatz 4.0 – Es fehlt an digitaler DNA

Christina Kehl
Im Zeitalter der Digitalisierung und der Globalisierung muss der Finanzplatz endlich zurück zur urschweizerischen Unternehmermentalität. Die Verwalter haben ausgedient.

Die Schweiz steht für Innovation und Fortschritt, für Unternehmertum und Erfindergeist. Im letzten Jahr belegte die Schweiz im Global Innovation Index erneut Platz eins, noch vor UK, den USA oder Singapur. Innovation und Fortschritt sind also Teil der Schweizer DNA.

zoom Quelle: GIIDamit sollte das Zeitalter der Digitalisierung doch der grösste jemals dagewesene Chancenbringer für die Schweiz sein. Ein Zeitalter, in dem eben gerade nicht Bodenschätze zählen oder Grösse, sondern eines, in dem der wichtigste Rohstoff Innovationskraft heisst. Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit mitten in der industriellen Revolution 4.0, für die Schweiz doch eigentlich ein Idealszenario.

zoom Quelle: Long FinanceWie kommt es dann, dass der Finanzplatz Schweiz in internationalen Rankings nicht annähernd so gut abschneidet, wie man es erwarten könnte? Im Jahr 2007 wurde erstmalig eine Rangliste der internationalen Finanzplätze erstellt, der Global Finance Center Index (GFCI).

Damals belegte Zürich Platz fünf, und auch Genf war in den Top Ten der weltweit führenden Finanzplätze zu finden. Heute, zehn Jahre später, sieht dies schon anders aus. Im aktuellen GFCI ist Genf nur noch unter «ferner liefen» zu finden (Platz 23), und selbst Zürich droht aus den Top Ten zu rutschen (derzeit Platz neun). Woran kann das liegen? Wieso verliert die Schweiz im Zeitalter der Digitalisierung ausgerechnet auf dem Spielfeld der Finanzen?

zoom Quelle: HSLU/IFZNun lassen sich Rankings immer anzweifeln, und die Schweiz wäre nicht die Schweiz, könnte sie nicht ihre eigenen Studien verfassen. So hat das Institut für Finanzdienstleistungen in Zug (IFZ) der Hochschule Luzern kurzerhand selbst ein Ranking erstellt, Zürich und Genf die Plätze zwei und drei zugewiesen und sie damit zu den weltweit vielversprechendsten Fintech Hubs erklärt, direkt nach Singapur. Selbst London, New York oder Hongkong erscheinen hier abgeschlagen. Also (ALSN 125.3 0.08%) doch alles in Ordnung?

Potenzial allein reicht nicht aus

Ich will die Zahlen überhaupt nicht anzweifeln, denn vom grossen Potenzial des Finanzplatzes Schweiz bin ich auch ohne IFZ-Ranking komplett überzeugt. Allerdings ist Potenzial allein doch völlig irrelevant, wenn es nicht genutzt wird. Es ist doch eindeutig, dass andere Standorte ihr vermeintlich geringeres Potenzial in der Realität besser auf den Boden bringen.

Der Wandel ist mittlerweile kein Zukunftsszenario mehr, sondern wirkt sich bereits direkt aus. Das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) hat Ende März die aktuellen Kennzahlen des Schweizer Finanzplatzes veröffentlicht. Und einmal mehr ist zu erkennen, dass der Bankenplatz der Schweiz schrumpft.

zoomViel gravierender zeigt sich, dass die Wertschöpfung im Bereich der Finanzdienstleistungen bereits um ein Viertel abgenommen hat innerhalb der letzten zehn Jahre. Um diese Wertschöpfung geht es. Wir müssen den Finanzplatz als Ganzes betrachten und die Wertschöpfung im Land bewahren. Dafür werden wir alte Muster aufbrechen müssen und wieder urschweizerisch, nämlich unternehmerisch handeln müssen.

Unternehmer statt Verwalter

In der Schweiz wird schon viel zu lange der bestehende Erfolg verwaltet. Die Gründergenerationen des Finanzplatzes sind passé, ihre Nachfolger sind Verwaltungsräte und CEO, die innerhalb der sicheren Strukturen von erfolgreichen Grossunternehmen die Karriereleiter erklommen haben.

Sie haben gelernt, dass es am erfolgversprechendsten ist, bestehende Regeln nicht in Frage zu stellen, sondern lediglich ideal zu nutzen. Die meisten heutigen Bankmanager waren nie in der Situation, Prozesse aus dem Nichts selbst aufbauen zu müssen und dadurch neu zu denken.

«Never change a running system» – das System der Schweiz lief gut, man passte sich an, optimierte hier und da und hielt die Maschine am Laufen. Jetzt kommen wir aber an den Punkt, an dem die laufende Maschine selbst zum Auslaufmodell wird. Und was jetzt?

Digitalisierung verlangt eine Veränderung der Unternehmens-DNA

Banken wissen, dass sie innovativ sein müssen und irgendwie digitaler. Deshalb richten sie fleissig Innovationsabteilungen ein, erfinden neue Positionen wie Change Maker, Digitization Director, setzen Labs, Inkubatoren, Acceleratoren und so weiter auf. Aber all diese Neuerungen laufen stets auf den gleichen alten Schienen. Ein Ausbrechen nach links oder rechts ist so gar nicht möglich.

Der «Tages-Anzeiger» schrieb kürzlich treffend, dass die tech-getriebene Wirtschaft zwar immer jünger werde, die Verwaltungsräte aber weiter grau blieben. Nun hängt Erfolg nicht von Jugend ab, dennoch ist in Frage zu stellen, ob eine Bank, in deren Chefetage kein einziger Digital Native zu finden ist, die Digitalwende tatsächlich schaffen kann.

Es reicht nicht, Innovationsabteilungen in die Unternehmenshierarchie ein- oder anzugliedern. Die Digitalisierung ist mit einem evolutionären Sprung zu vergleichen und verlangt eine Veränderung in der DNA eines Unternehmens. Diese Veränderung kann nur an oberster Stelle beginnen.

Eine einzelne Unternehmensabteilung – Innovation Unit, Fintech Lab oder sonst wie benannt – wird es nie schaffen, den Wandel seitwärts oder von unten nach oben in die Firma zu tragen. Wenn der angestellte «Change Maker» seine Konzepte stets bei der Chefetage erklären und pitchen muss, hat man schon verloren.

Eine Bank, die es ernst meint mit der digitalen Evolution, muss ihren Verwaltungsrat und ihre Management-Etage digital besetzen und top-down das gesamte Unternehmen mit digitaler DNA durchziehen. Es ist in der Verantwortung der Chefetage, die Mitarbeiter auf diesen Wandel mitzunehmen – nicht umgekehrt.

Zur AutorinChristina Kehl ist Geschäftsführerin des Verbands Swiss Finance Startups (SFS). Zuvor war sie operative Chefin von Knip, dem ersten mobilen Versicherungsmakler, den sie 2013 in Zürich mitgegründet hatte. Bild: ZVG

14:32 - 29.03.17

KMU erkennen Nutzen digitaler Bankangebote (noch) nicht

Andreas Dietrich und Christoph Duss
Nach vermehrten Digitalisierungsbemühungen im Retail Banking und in der Vermögensverwaltung haben erst vereinzelte Banken in der Schweiz damit begonnen, ihr Firmenkundengeschäft zu digitalisieren.

Der technologische Fortschritt, das dadurch veränderte Kundenverhalten und der Eintritt neuer Wettbewerber veranlassen viele Banken dazu, sich vermehrt mit dem Thema Digitalisierung und den damit verbundenen Chancen und Risiken auseinanderzusetzen.

Neben dem Retail Banking und der Vermögensverwaltung werden diese Entwicklungen künftig auch das Firmenkundengeschäft beeinflussen. Schweizer Banken können sich diesen Geschehnissen nicht entziehen und müssen sich rechtzeitig mit neuen digitalen Angeboten in diesem Bereich auseinandersetzen.

Um das Interesse nach solchen Angeboten auf der Kundenseite zu eruieren, wurde in Zusammenarbeit mit dem Swisscom-Thinktank E-Foresight und mit sechs Banken eine Umfrage unter Schweizer KMU-Firmenkunden durchgeführt.

Diese mussten den Nutzen von verschiedenen Dienstleistungen und Produkten im digitalen Firmenkundengeschäft einschätzen: Neue Funktionalitäten im E-Banking, innovative Kommunikationskanäle, neue digitale Lösungen in den Bereichen Zahlen und Finanzieren sowie sonstige banknahe Dienstleistungen.

Neue innovative Kanäle sind gefragt

zoomWie sich zeigte, erachten die befragten Firmenkunden vor allem transaktionsbezogene und Selbstadministrationsfunktionen im E-Banking als nützlich. Diese sollen insbesondere den Alltag von KMU erleichtern und deren Prozesse verbessern.

Dazu zählen beispielsweise eine personalisierbare Einstiegsseite, die Anbindung von Buchhaltungsprogrammen oder ein digitales Vertragsarchiv mit allen Bankverträgen. Solche Dienstleistungen werden derzeit praktisch noch von keiner Bank angeboten. Es ist aus Bankensicht aber ratsam, solche gegen aussen hin teilweise unspektakuläre Massnahmen zu verfolgen und in diese Projekte zu investieren.

Bei den Kommunikationskanälen wurde der Fokus insbesondere auf neue innovative Kanäle gelegt, wie z.B. Web-Chats oder Video-Beratung. Die grosse Mehrheit der KMU findet darin nur einen begrenzten Nutzen.

Das würde auch dafür sprechen, dass sich ein typischer Firmenkunde vor allem bei komplexeren Problemen direkt und persönlich an seine Bank wendet. Es scheint, dass diese Anliegen nach wie vor nicht per Chat oder Video gelöst werden möchten, sondern über den persönlichen Kontakt.

Digitales Zahlen wird an Relevanz gewinnen

Neben dem E-Banking sind digitale Zahlungsmöglichkeiten von den Befragten als sehr relevant bewertet worden. Es zeigte sich, dass Zahlungslösungen für Web-Shops, die Akzeptanz von mobilen Zahlungen sowie mobile Bezahl-/Kartenterminals in etwa gleich nützlich sind.

Letztlich hängt der beigemessene Nutzen für Zahlungslösungen auch vom Geschäftsmodell und der Branche ab, in welcher ein Unternehmen tätig ist. Trotzdem ist davon auszugehen, dass die Relevanz von digitalen Zahlungslösungen zukünftig noch steigen wird, da die Themen E-Commerce und Mobile Payment an Bedeutung gewinnen werden.

Im Themenblock Finanzieren ging es grösstenteils darum, die Digitalisierung des Finanzierungsprozesses zu bewerten. Am relevantesten erachten KMU hier das Online-Abschliessen von Festgeldern und die Online-Eröffnung von Geschäftskonten.

Zudem hat sich herausgestellt, dass die Online-Verlängerung/Ablösung von Krediten als nützlicher erachtet wird als der Online-Neuabschluss. Da eine Verlängerung im Vergleich zum Neuabschluss in der Regel weniger kompliziert ist, scheinen die Befragten eher daran interessiert zu sein, diesen Vorgang online abschliessen zu können.

Beschränkter Nutzen von digitalen Dienstleistungen

Bei den banknahen Dienstleistungen mussten die KMU den Nutzen von Produkten und Dienstleistungen eruieren, die nicht direkt zum Kerngeschäft von Banken gehören, jedoch teilweise von ihnen angeboten werden.

Dazu gehören zum Beispiel Online-Treuhandangebote oder Online-Versicherungen. Grundsätzlich sind diese nur von sehr wenigen Firmenkunden erwünscht. Die Idee von Allfinanz-Anbietern ist aus Kundensicht also nach wie vor kein Bedürfnis.

Insgesamt veranschaulicht die Umfrage, dass die befragten Firmenkunden in den meisten digitalen Produkten und Dienstleistungen nur einen beschränkten Nutzen sehen. Dieses allgemein geringe Interesse kann entweder darauf zurückgeführt werden, dass die Unternehmen mit den aktuellen Angeboten der Banken zufrieden sind, oder sie können den Zusatznutzen von neuen digitalen Funktionalitäten und Produkten, die sie noch nie testen konnten, nur schwer einordnen.

Trotzdem wird die Digitalisierung auch im Firmenkundengeschäft stärker Eingang finden. Schweizer Banken stehen mit ihren Digitalisierungsbemühungen in diesem Segment zurzeit aber noch am Anfang.

Hinweis: Die komplette Studie «Digitales Firmenkundengeschäft: Heutiger Stand und zukünftige Entwicklung» kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Zum AutorProf. Dr. Andreas Dietrich ist Leiter des Kompetenzzentrums Financial Services Management am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

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15:56 - 01.03.17

Zug soll Welthauptstadt der Blockchain werden

Pascal Meisser
In Fintech-Kreisen ist der Kanton Zug schon länger als «Crypto Valley» bekannt. Nun soll dies auch die Welt erfahren.

Bislang waren es die jungen Wilden, die sich mit ihren Blockchain-Startups in Zug niedergelassen haben. Nun haben auch die grossen Firmen aus der Finanz- und Beratungsbranche die kleine Stadt im Süden der Stadt Zürich entdeckt.

Seit heute Mittwoch will die «Crypto Valley Association» den Standort Zug als Welthauptstadt der Blockchain-Technologie vermarkten. Dahinter stehen Unternehmen wie UBS (UBSG 16.65 -0.24%), PwC oder das Medienhaus Thomson Reuters und Institutionen wie der Kanton Zug selber sowie die Hochschule Luzern. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, wird in der Mitteilung zu einem beliebten Modewort gegriffen: Das «Ökosystem» soll gefördert werden.

Ex-UBS-Chef-Innovator als Galionsfigur

An der Spitze der Organisation steht ein Mann, der in Blockchain-Kreisen höchste Anerkennung geniesst: Oliver Bussmann, bis vor einem Jahr der Blockchain-Guru der UBS, bevor er die Grossbank verliess und sich als Fintech-Berater selbständig machte. Bussmann war unter anderem dafür verantwortlich, dass sich die UBS im weltweit bekanntesten Fintech-Inkubator Level 39 in London engagierte.

Diese Konzentration der Kräfte in Zug ist sinnvoll. Bereits heute operieren in und um Zug ein gutes Dutzend internationaler Blockchain-Startups. Zu ihnen gehören beispielsweise Ethereum, die eine Bitcoin-ähnliche Währung verwalten oder der amerikanische Wallet-Anbieter Xapo, der seinen Sitz wegen des Umfelds in die Schweiz verlegt hatte.

Die neue Vereinigung, die sich als Non-Profit bezeichnet, will Zug eine populärere Positionierung auf der Blockchain-Weltkarte ermöglichen. «Blockchain und kryptografische Technologien sind unsere Zukunft», lässt sich Leiter Bussmann in der Mitteilung zitieren. Die Aufgabe der global tätigen Vereinigung sei es, die Positionierung der Schweiz als führendes Innovationscenter in diesem Bereich zu stärken.

Zug als Bitcoin-Vorreiter

Wie wichtig diese Aufgabe ist, zeigte sich anfänglich auch im lokalen Umfeld. Während in den interessierten Kreisen das «Crypto Valley» längst zu einem Begriff wurde, konnten die Behörden damit wenig anfangen. Erst mit der Zeit verstand die Stadt, welcher Glücksfall die Ansiedelung von Blockchain- und Bitcoin-Startups war.

So ermöglichte Zug im Mai vor einem Jahr als erste Stadt weltweit den Bürgern, Gebühren bis 200 Fr. in Bitcoin zahlen zu können. Die Werbewirksamkeit war gross, global wurde darüber berichtet. Zürich hingegen lehnte im vergangenen August einen ähnlich lautenden Vorstoss ab, obschon das mit dem volatilen Bitcoin zusammenhängende Währungsrisiko klein ist.

Zumindest im Fall von Zug gilt: Seit der Ermöglichung der Bitcoin-Zahlung haben gemäss Stadtpräsident rund ein Dutzend Einwohner ihre Gebühren mit der Digitalwährung beglichen.

09:24 - 09.02.17

Wenn Banken den Fintechs ganz genau zuhören

Pascal Meisser, London
An der Finovate kristallisieren sich die heissen Fintech-Themen des Jahres heraus. Auch Schweizer Banken waren vor Ort.

Es ist nicht die grösste Konferenz in der Welt der Finanztechnologie (Fintech), aber eine der am meisten beachteten: An der Finovate in London trafen am Dienstag und Mittwoch Jungunternehmen und traditionelle Finanzinstitute aufeinander – neue, unkonventionelle Ideen stiessen auf hungrige Digitalchefs von Banken. Denn nirgendwo zeigt sich besser, welche Themen in der Fintech-Welt gerade besonders heiss sind.

Für dieses Jahr lassen sich zwei Trends ausmachen: der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz sowie die Entwicklung von Produkten, die von Banken via Programmierschnittstellen einfach eingesetzt werden können. In der Fachsprache werden diese API (Application Programming Interface) genannt.

Kein Wunder, dass sich auch Schweizer Banken und Finanzdienstleister einen solchen Ideen-Catwalk nicht entgehen lassen. So liessen sich im Publikum unter anderem Vertreter der Zürcher sowie der Glarner Kantonalbank (GLKBN 24.95 2.89%), solche der PostFinance, der Aduno-Gruppe sowie des Detaillisten Valora (VALN 338 0.45%) ausmachen.

Kehrtwende in der Fintech-Welt

Vergangenes Jahr waren es noch die automatisierten Anlageberater, besser bekannt als Robo Advisors, gewesen, die die Veranstaltung dominiert hatten. Unter anderem feierte der Schweizer Robo Advisor Descartes dort seine Uraufführung.

Inzwischen hat die Fintech-Welt eine Kehrtwende gemacht. Gefragt sind nicht mehr Lösungen, die die traditionellen Banken ersetzen sollen. Die Idee der Zusammenarbeit hat sich nun auch in der Breite durchgesetzt.

So werden immer mehr Formen der künstlichen Intelligenz (KI) eingesetzt, die die Registrierung von Neukunden erleichtern sollen. Mitek hat eine Smartphone-App entwickelt, die die Kontoeröffnung bei einer Bank ausschliesslich über das Handy ermöglichen soll. Dank KI soll das fotografische Scannen des Ausweises auch bei schlechten Lichtverhältnissen möglich sein.

In eine ähnliche Richtung geht das Londoner Start-up Iproov, das eine biometrische Online-Authentifizierung ermöglichen will. Hooyu wiederum ist ein Serviceanbieter, der die Identität neuer Kunden überprüft – zum Beispiel unter Einbezug von öffentlich zugänglichen Facebook- und LinkedIn-Daten.

Schweizer Lösungen in London vorgestellt

Daneben wurden zahlreiche Module vorgestellt, die Banken relativ einfach bei sich implementieren können. Zum Beispiel hat die Schweizer Softwareschmiede Unblu in London ihre neue App präsentiert. Damit bringen Finanzhäuser ihre Kundenberater auf das Handy der Kunden, wo sie via Livechat ortsungebunden beraten können. Bereits heute setzen einige grosse Banken wie UBS (UBSG 16.65 -0.24%) und Barclays (BARC 223.65 -0.67%) auf Unblu.

Immer häufiger kommen auch Entwicklungen aus der Fintech-Szene, die einen Überblick über das eigene Vermögen bieten wollen – besser bekannt unter Personal Finance Management (PFM). Ihr Vorteil gegenüber den meisten Banken liegt darin, dass sie die Vermögenssituation unabhängig analysieren und sämtliche Positionen über verschiedene Banken hinweg erfassen.

Einen sehenswerten Auftritt in London hatte auch das Schweizer Start-up Sentifi, das vergangenes Jahr zusammen mit dem digitalen Versicherungsbroker Knip den «Swiss FinTech Award» gewonnen hatte. Sentifi filtert mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz aus Millionen von Beiträgen zu Investmentthemen die relevanten Meinungen heraus und stellt sie dem Anleger in Echtzeit zur Verfügung.

Wie immer sind aber gute Ideen noch längst kein Garant für den wirtschaftlichen Erfolg des Produkts. Man darf deshalb gespannt sein, ob und welche Lösungen die Schweizer Bankenvertreter überzeugt haben und dereinst zum Einsatz kommen könnten.