Never Mind the Markets
05:00 - 12.04.17

900 Milliarden hoch: Europas zweiter Schuldenberg

Andreas Neinhaus

Das Risiko steigt mit den Schulden: Behelfmässig geschlossene Bancomaten der Barclays Bank in London. Foto: Chris Helgren (Reuters)

In diesen Frühlingstagen vor sieben Jahren informierte die griechische Regierung ihre EU-Partner und Brüssel, dass sie ohne finanzielle Unterstützung nicht in der Lage sei, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Es war der Anfang der Euro-Staatsschuldenkrise.

Heute leben wir zwar mit der Gewissheit, dass die unmittelbaren Risiken des unvorstellbar hohen Schuldenbergs der Eurostaaten eingedämmt sind. Denn die Europäische Zentralbank garantiert seit 2012, dass sie im Notfall alles unternehmen wird, um eine Eurokrise abzuwenden. Dazu zählen auch unbegrenzte Staatsschuldenaufkäufe bankrotter, aber reformwilliger Regierungen, sogenannte Outright Monetary Transactions (OMT).

Die Regierungen haben ihrerseits mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus einen gemeinsam finanziell gespeisten «europäischen Währungsfonds» geschaffen, der im Notfall Kredite vergibt, um Zahlungsbilanzprobleme und damit allseits befürchtete Staatsbankrotte zu verhindern.

Nicht nur die Staatsschulden wachsen

Sieben Jahre später ziehen wir aber auch die Erkenntnis, dass die Staatsschulden nicht abgebaut wurden. Im Gegenteil: Sie haben in den meisten Ländern seither zugenommen. Der Schuldenberg ist heute höher als im Frühjahr 2010.

Die Schulden europäischer Staaten im Vergleich. Quelle: Thomson Reuters

Darüber hinaus ist ein zweiter Schuldenberg entstanden: die faulen Kredite in den Bilanzen vieler Banken in Europa. Wie der Chart zeigt, hat sich ihr Anteil («Non-performing loans», NPL) an den gesamten Ausleihungen von Banken in Griechenland, Italien und Portugal mehr als verdoppelt.

Anteil von «Non-performing loans» (NPL) an den Gesamtausleihungen von Banken. Quelle: Thomson Reuters, Weltbank

Tatsächlich konzentriert sich dieses Kreditrisiko auf einzelne Eurostaaten. Das bestätigt auch die folgende Aufstellung der NPL in 115 Banken, die von der EZB beaufsichtigt werden. Sie bietet einen informativen Überblick über Höhe und Zusammensetzung dieses zweiten Schuldenbergs in Euroland. (Die Werte in der Grafik und der Tabelle weichen zum Teil leicht voneinander ab, weil die Weltbank und die EZB-Bankenaufsicht für ihre Erhebungen unterschiedliche Definitionen verwenden.)

NPL von Banken unter EZB-Aufsicht. Quelle: ECB (PDF-Link)

Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Summe der notleidenden Kredite beläuft sich auf 900 Mrd. €.
  • Davon konzentrieren sich mehr als 70% in vier Ländern. Italiens Banken sind doppelt so exponiert wie die Institute in den restlichen drei Staaten: Auf sie entfallen 271 Mrd. € oder 30% der europäischen NPL. Frankreich und Spanien bringen es auf je rund 136 Mrd. € (15%) sowie Griechenland auf 114 Mrd. € (13%). Im Falle Frankreichs machen die faulen Kredite gemessen an den Gesamtausleihungen französischer Banken aber nur 3,8% aus («Gross NPL ratio»).
  • Sechs Länder sind wirklich gefährdet: Griechenland und Zypern, wo 47% resp. 40% der ausgeliehenen Kredite notleidend sind. Ebenfalls in Gefahr sind Portugal, Irland, Slowenien und Italien, wo diese Anteile zwischen 20 und 16% liegen.
  • Entscheidend ist die Höhe der Bank-Rücklagen zur Absicherung gegen Kreditausfälle. Sie sind in der fünften Kolonne («Impairments») aufgeführt. Werden sie berücksichtigt, ergibt sich der Nettoanteil notleidender Kredite («Net NPL ratio», in der siebten Kolonne). Sloweniens Situation entschärft sich hier. Italien (8,5%) steht ebenfalls etwas besser da als Portugal und Irland (rd. 11%). Griechenlands und Zyperns Banken bleiben klar am exponiertesten.
  • Die Aufstellung legt auch offen, wie die Situation in Spanien rechtzeitig entschärft wurde. Die Regierung hatte 2012/13 vom ESM 41 Mrd. € bezogen, um den heimischen Bankensektor zu rekapitalisieren. Dort steht heute zwar längst nicht alles zum Besten, wie der massive Geldbezug in der letzten Liquiditätszuteilung der EZB – Stichwort: «T-LTROs» – belegt. Aber dass Spaniens Wirtschaft wieder wächst, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass die Banken des Landes ihre Kreditrisiken stark abbauten und wieder normale Geschäfte führen können.

Für den zweiten Schuldenberg Europas gilt das Gleiche wie für den ersten: Das Risiko einer Explosion ist zwar allgegenwärtig, aber relevanter ist die alltägliche lähmende Wirkung. Die Überschuldung behindert das Wirtschaftswachstum der betroffenen Staaten. Sie ist verantwortlich dafür, dass dort die internationale Konjunkturerholung derzeit zu wenig mehr als einer Stagnation führt.

05:00 - 12.04.17

900 Milliarden hoch: Europas zweiter Schuldenberg

Andreas Neinhaus
Das Risiko steigt mit den Schulden: Behelfmässig geschlossene Bancomaten der Barclays Bank in London. Foto: Chris Helgren (Reuters)

In diesen Frühlingstagen vor sieben Jahren informierte die griechische Regierung ihre EU-Partner und Brüssel, dass sie ohne finanzielle Unterstützung nicht in der Lage sei, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Es war der Anfang der Euro-Staatsschuldenkrise.

Heute leben wir zwar mit der Gewissheit, dass die unmittelbaren Risiken des unvorstellbar hohen Schuldenbergs der Eurostaaten eingedämmt sind. Denn die Europäische Zentralbank garantiert seit 2012, dass sie im Notfall alles unternehmen wird, um eine Eurokrise abzuwenden. Dazu zählen auch unbegrenzte Staatsschuldenaufkäufe bankrotter, aber reformwilliger Regierungen, sogenannte Outright Monetary Transactions (OMT).

Die Regierungen haben ihrerseits mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus einen gemeinsam finanziell gespeisten «europäischen Währungsfonds» geschaffen, der im Notfall Kredite vergibt, um Zahlungsbilanzprobleme und damit allseits befürchtete Staatsbankrotte zu verhindern.

Nicht nur die Staatsschulden wachsen

Sieben Jahre später ziehen wir aber auch die Erkenntnis, dass die Staatsschulden nicht abgebaut wurden. Im Gegenteil: Sie haben in den meisten Ländern seither zugenommen. Der Schuldenberg ist heute höher als im Frühjahr 2010.

Die Schulden europäischer Staaten im Vergleich. Quelle: Thomson Reuters

Darüber hinaus ist ein zweiter Schuldenberg entstanden: die faulen Kredite in den Bilanzen vieler Banken in Europa. Wie der Chart zeigt, hat sich ihr Anteil («Non-performing loans», NPL) an den gesamten Ausleihungen von Banken in Griechenland, Italien und Portugal mehr als verdoppelt.

Anteil von «Non-performing loans» (NPL) an den Gesamtausleihungen von Banken. Quelle: Thomson Reuters, Weltbank

Tatsächlich konzentriert sich dieses Kreditrisiko auf einzelne Eurostaaten. Das bestätigt auch die folgende Aufstellung der NPL in 115 Banken, die von der EZB beaufsichtigt werden. Sie bietet einen informativen Überblick über Höhe und Zusammensetzung dieses zweiten Schuldenbergs in Euroland. (Die Werte in der Grafik und der Tabelle weichen zum Teil leicht voneinander ab, weil die Weltbank und die EZB-Bankenaufsicht für ihre Erhebungen unterschiedliche Definitionen verwenden.)

NPL von Banken unter EZB-Aufsicht. Quelle: ECB (PDF-Link)

Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Summe der notleidenden Kredite beläuft sich auf 900 Mrd. €.
  • Davon konzentrieren sich mehr als 70% in vier Ländern. Italiens Banken sind doppelt so exponiert wie die Institute in den restlichen drei Staaten: Auf sie entfallen 271 Mrd. € oder 30% der europäischen NPL. Frankreich und Spanien bringen es auf je rund 136 Mrd. € (15%) sowie Griechenland auf 114 Mrd. € (13%). Im Falle Frankreichs machen die faulen Kredite gemessen an den Gesamtausleihungen französischer Banken aber nur 3,8% aus («Gross NPL ratio»).
  • Sechs Länder sind wirklich gefährdet: Griechenland und Zypern, wo 47% resp. 40% der ausgeliehenen Kredite notleidend sind. Ebenfalls in Gefahr sind Portugal, Irland, Slowenien und Italien, wo diese Anteile zwischen 20 und 16% liegen.
  • Entscheidend ist die Höhe der Bank-Rücklagen zur Absicherung gegen Kreditausfälle. Sie sind in der fünften Kolonne («Impairments») aufgeführt. Werden sie berücksichtigt, ergibt sich der Nettoanteil notleidender Kredite («Net NPL ratio», in der siebten Kolonne). Sloweniens Situation entschärft sich hier. Italien (8,5%) steht ebenfalls etwas besser da als Portugal und Irland (rd. 11%). Griechenlands und Zyperns Banken bleiben klar am exponiertesten.
  • Die Aufstellung legt auch offen, wie die Situation in Spanien rechtzeitig entschärft wurde. Die Regierung hatte 2012/13 vom ESM 41 Mrd. € bezogen, um den heimischen Bankensektor zu rekapitalisieren. Dort steht heute zwar längst nicht alles zum Besten, wie der massive Geldbezug in der letzten Liquiditätszuteilung der EZB – Stichwort: «T-LTROs» – belegt. Aber dass Spaniens Wirtschaft wieder wächst, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass die Banken des Landes ihre Kreditrisiken stark abbauten und wieder normale Geschäfte führen können.

Für den zweiten Schuldenberg Europas gilt das Gleiche wie für den ersten: Das Risiko einer Explosion ist zwar allgegenwärtig, aber relevanter ist die alltägliche lähmende Wirkung. Die Überschuldung behindert das Wirtschaftswachstum der betroffenen Staaten. Sie ist verantwortlich dafür, dass dort die internationale Konjunkturerholung derzeit zu wenig mehr als einer Stagnation führt.

05:00 - 10.04.17

Deutsche Mark: Eine ironische Geschichte

Tobias Straumann

Ab dem 28. Februar 2002 mussten Händler keine Deutsche Mark mehr annehmen. Foto: Joerg Sarbach (Keystone, AP)

Die Geschichte der deutschen Währung ist voller Brüche und endete mit einer ironischen Wendung. Zunächst war die deutsche Währung zweimal ein Misserfolg, und als sie im dritten Anlauf endlich erfolgreich war, wurde das Experiment freiwillig abgebrochen.

Die erste Phase begann 1876, fünf Jahre nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Die Reichsbank nahm ihre Arbeit auf, die Mark wurde als Einheitswährung ins Leben gerufen. Die neue deutsche Goldwährung war zunächst ein grosser Erfolg. Deutschland hatte Preis- und Währungsstabilität. Es gab zwar Bankenkrisen, aber die Reichsbank war in der Lage, eine systemische Krise zu verhindern.

Keine Normalisierung nach der Niederlage

Doch dann kam der Erste Weltkrieg, der alles änderte. Die Staatsschulden stiegen, die Reichsbank finanzierte einen grossen Teil dieser Schulden, und entsprechend entstand Inflation. Nach der Kriegsniederlage trat keine Normalisierung ein. Im Gegenteil. Deutschland war innenpolitisch gespalten, und die Auseinandersetzungen um die Reparationsfrage mündeten in der Besetzung des Ruhrgebiets durch belgische und französische Truppen. Die Arbeiter leisteten passiven Widerstand, und die Reichsregierung in Berlin zahlte die Löhne mit der Druckerpresse der Reichsbank. Es dauerte nicht lange, bis die Hyperinflation die Mark im Jahr 1923 zerstörte (Quelle).https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7e/Goldpreis_in_Papiermark.png

Die zweite Phase begann 1924, als die Reichsmark nach einer Währungsreform als Goldwährung eingeführt wurde. Bereits 1931 kam die Währung unter Druck. Zur Verteidigung führte die Reichsregierung unter Kanzler Brüning Kapitalverkehrskontrollen ein. Ab 1933 wurden diese Kontrollen verstärkt. Gleichzeitig führte die schnelle Aufrüstung zu Inflation. So war die deutsche Währung bereits vor Ausbruch des Kriegs de facto stark entwertet, nur de jure war sie weiterhin auf dem alten Niveau.

Der Zweite Weltkrieg, die Kriegsniederlage und die turbulente Nachkriegsperiode ruinierten die Reichsmark vollends. Erneut war eine Währungsreform notwendig. 1948 kam es zur Einführung der Deutschen Mark (DM) in Westdeutschland und der Gründung der Bank der deutschen Länder (ab 1957 Deutsche Bundesbank).

Ein Machtverlust

Wie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war die deutsche Währung äusserst stabil. Und diesmal dauerte die Phase der Stabilität länger als damals. Zwischen 1876 und 1914 lagen 38 Jahre, zwischen 1948 und 1999, als der Euro als Buchgeld eingeführt wurde, waren es immerhin 50 Jahre. Aber wiederum kam der Erfolg zu einem Ende. Die BRD hatte den Vertrag von Maastricht (1992) angenommen und dadurch die monetäre Souveränität preisgegeben.

Anders als die Mark und die Reichsbank ist zwar der Euro keine Inflationswährung geworden. Insofern lebt die DM weiter. Aber die Deutschen haben nun gar keine eigene Währung mehr. Die Bundesbank existiert zwar noch, aber hat nicht mehr die Macht, die sie vor der Einführung des Euro besessen hatte.

1998 war insofern ein Jahr voller Ironie. Während das offizielle Deutschland den 50-jährigen Geburtstag der DM feierte, feierte man auf europäischer Ebene die Einführung des Euro. Die Geburtsfeier überschattete die Geburtstagsfeier.

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05:00 - 10.04.17

Deutsche Mark: Eine ironische Geschichte

Tobias Straumann
Ab dem 28. Februar 2002 mussten Händler keine Deutsche Mark mehr annehmen. Foto: Joerg Sarbach (Keystone, AP)

Die Bundesbank feiert dieses Jahr ihren 60. Geburtstag – eine Gelegenheit, kurz auf die moderne Geschichte der deutschen Währung zurückzublicken.

Im Gegensatz zur schweizerischen Geschichte war sie voller Brüche und endete mit einer ironischen Wendung. Zunächst war die deutsche Währung zweimal ein Misserfolg, und als sie im dritten Anlauf endlich erfolgreich war, wurde das Experiment freiwillig abgebrochen.

Die erste Phase begann 1876, fünf Jahre nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Die Reichsbank nahm ihre Arbeit auf, die Mark wurde als Einheitswährung ins Leben gerufen. Die neue deutsche Goldwährung war zunächst ein grosser Erfolg. Deutschland hatte Preis- und Währungsstabilität. Es gab zwar Bankenkrisen, aber die Reichsbank war in der Lage, eine systemische Krise zu verhindern.

Keine Normalisierung nach der Niederlage

Doch dann kam der Erste Weltkrieg, der alles änderte. Die Staatsschulden stiegen, die Reichsbank finanzierte einen grossen Teil dieser Schulden, und entsprechend entstand Inflation. Nach der Kriegsniederlage trat keine Normalisierung ein. Im Gegenteil. Deutschland war innenpolitisch gespalten, und die Auseinandersetzungen um die Reparationsfrage mündeten in der Besetzung des Ruhrgebiets durch belgische und französische Truppen. Die Arbeiter leisteten passiven Widerstand, und die Reichsregierung in Berlin zahlte die Löhne mit der Druckerpresse der Reichsbank. Es dauerte nicht lange, bis die Hyperinflation die Mark im Jahr 1923 zerstörte (Quelle).

Die zweite Phase begann 1924, als die Reichsmark nach einer Währungsreform als Goldwährung eingeführt wurde. Bereits 1931 kam die Währung unter Druck. Zur Verteidigung führte die Reichsregierung unter Kanzler Brüning Kapitalverkehrskontrollen ein. Ab 1933 wurden diese Kontrollen verstärkt. Gleichzeitig führte die schnelle Aufrüstung zu Inflation. So war die deutsche Währung bereits vor Ausbruch des Kriegs de facto stark entwertet, nur de jure war sie weiterhin auf dem alten Niveau.

Der Zweite Weltkrieg, die Kriegsniederlage und die turbulente Nachkriegsperiode ruinierten die Reichsmark vollends. Erneut war eine Währungsreform notwendig. 1948 kam es zur Einführung der Deutschen Mark (DM) in Westdeutschland und der Gründung der Bank der deutschen Länder (ab 1957 Deutsche Bundesbank).

Ein Machtverlust

Wie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war die deutsche Währung äusserst stabil. Und diesmal dauerte die Phase der Stabilität länger als damals. Zwischen 1876 und 1914 lagen 38 Jahre, zwischen 1948 und 1999, als der Euro als Buchgeld eingeführt wurde, waren es immerhin 50 Jahre. Aber wiederum kam der Erfolg zu einem Ende. Die BRD hatte den Vertrag von Maastricht (1992) angenommen und dadurch die monetäre Souveränität preisgegeben.

Anders als die Mark und die Reichsbank ist zwar der Euro keine Inflationswährung geworden. Insofern lebt die DM weiter. Aber die Deutschen haben nun gar keine eigene Währung mehr. Die Bundesbank existiert zwar noch, aber hat nicht mehr die Macht, die sie vor der Einführung des Euro besessen hatte.

1998 war insofern ein Jahr voller Ironie. Während das offizielle Deutschland den 50-jährigen Geburtstag der DM feierte, feierte man auf europäischer Ebene die Einführung des Euro. Die Geburtsfeier überschattete die Geburtstagsfeier.

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05:00 - 03.04.17

Der grösste Schweizer Technologie-Schock

Tobias Straumann

Schweizer «Baumwollgürtel»: 1787 arbeitete ein Drittel aller Beschäftigten im Textilgewerbe. (Bild: Getty Images)

Wie disruptiv wird die Digitalisierung sein? Diese Frage taucht früher oder später bei jedem Vortrag oder Podium auf, wenn es im weitesten Sinne um das Thema Wirtschaft geht. In der Regel lautet die Antwort: Es wird ganz heftig werden.

Dabei wird auch öfter historisch argumentiert. Bisher sei nur Muskelkraft durch Maschinen ersetzt worden, nun aber könne man die Funktionen des Hirns simulieren. Fast alle Berufe stünden nun zur Disposition.

Kann gut sein, aber die historische Betrachtung führt einen eher zu gegenteiligen Schlüssen. Das Ersetzen von Hirnfunktionen durch Maschinen ist überhaupt nicht neu. So gibt es zum Beispiel schon lange Rechenmaschinen.

Zweitens ist der Prozess der Digitalisierung bereits seit Jahrzehnten im Gang, ohne dass Massenarbeitslosigkeit entstanden wäre. Der Strukturwandel ist heftig, aber nicht disruptiv. Die meisten Leute, die wegen der Digitalisierung ihre Stelle verloren haben, kamen woanders unter, und die Lehrlingsausbildung wird fortlaufend angepasst.

Drittens gab es bisher nur einmal einen wirklich disruptiven Technologie-Schock in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, und dieser ist in seiner Art nicht wiederholbar. Die Rede ist von der industriellen Revolution, die Ende des 18. Jahrhunderts die bestehende Wirtschaftsstruktur der Deutschschweiz regelrecht durchschüttelte.

Die Ausgangslage war folgendermassen: In der Nord- und Ostschweiz waren viele ländliche Haushalte im 18. Jahrhundert in der Baumwollverarbeitung beschäftigt. Sie spannen, woben und druckten zu Hause im Keller oder in der Stube, um ihr Einkommen aus der Landwirtschaft zu verbessern oder um überhaupt überleben zu können.

Auf der Karte sieht man die Ausdehnung des «Baumwollgürtels»:

Gemäss einer Gewerbezählung von 1787 waren im Kanton Zürich etwa 35’000 Personen in der Baumwollspinnerei beschäftigt, 6500 in der Baumwollweberei und 4000 in der Seidenproduktion. Zusammengerechnet arbeitete etwa ein Drittel aller Arbeitskräfte in der Textilbranche. Das war für die damaligen Verhältnisse in Europa ein hoher Wert. In den meisten Regionen des Kontinents machte die gewerbliche Produktion weniger als 10 Prozent aus. Die Landwirtschaft dominierte.

Zur selben Zeit, als die Gewerbezählung durchgeführt wurde, nahm in England die industrielle Revolution in der Baumwollspinnerei allmählich Tempo auf. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu gewaltigen Einsparungen des Personaleinsatzes. Man schätzt, dass die ersten Spinnmaschinen auf einen Schlag 30 Personen durch eine Person ersetzten. Das war ein Produktivitätsfortschritt, der wirklich als disruptiv zu bezeichnen ist.

Die Preise für englisches Garn purzelten in die Tiefe, wie folgende Tabelle zeigt.

Die Folgen für die Schweizer Haushalte, die noch das Spinnrad benutzten, um die Rohbaumwolle zu Garn zu verarbeiten, waren entsprechend verheerend. Man schätzt, dass ungefähr 100’000 Spinnerinnen und Spinner in den 1790er-Jahren die Arbeit verloren – bei einer Gesamtbevölkerung der damaligen Eidgenossenschaft von rund 1,6 Millionen Personen.

Seither hat es keine vergleichbare Disruption mehr gegeben. Es kam zwar regional immer wieder zu äusserst schmerzhaften Episoden von schnellem Strukturwandel. Beispiele sind die Textilindustrie in Glarus, die Stickerei in der Ostschweiz oder die Uhrenindustrie am Jüra-Südfuss. Aber ein solches Ausmass an prozentualem Arbeitsplatzverlust in so kurzer Zeit kam nie mehr vor. Es war der grösste Technologie-Schock der Schweizer Geschichte.

Er trat nur deswegen auf, weil er den Beginn des industriellen Zeitalters begründete. Die Welt veränderte sich komplett. Seither sind wir die schnelle Veränderungsrate des technologischen Wandels gewöhnt und wissen, dass wir sie mit Bildung und Sozialversicherungen gut bewältigen können. Eine Wiederholung ist deshalb äusserst unwahrscheinlich, Digitalisierung hin oder her.