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Never Mind the Markets

Italien braucht ein Wunder

Tobias Straumann

Die Wirtschaft hat Fahrt aufgenommen: Geschäftshochhäuser in Mailand. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Italiens Schulden verharren seit mehr als zwei Jahren über der Schwelle von 130 Prozent des BIP. Alle wissen, dass diese Quote zu hoch ist. Italien sollte deshalb bald mit dem Schuldenabbau anfangen, da die Konjunktur im Moment recht gut läuft und die Zinsen tief sind.

Aber ist Italien überhaupt dazu imstande? Die politische Blockade, die in Rom herrscht, wirkt entmutigend. Gleichwohl gibt es Anlass zu Hoffnung, denn Italien hat es schon einmal geschafft, seine Schulden deutlich zu reduzieren, nämlich in den 1990er-Jahren. Die Grafik zeigt die Entwicklung: 1994 war der Schuldenstand etwa so hoch wie heute, zehn Jahre später war er zurück auf 100 Prozent des BIP. Es fand so etwas wie ein italienisches Wunder statt.

Wie war dieser Erfolg beim Schuldenabbau möglich?

Die wichtigste Ursache war die Notsituation zu Beginn der 1990er-Jahre: Rezession, hohe Defizite und eine Währungskrise. Man sieht auf der Grafik, wie die Schulden zwischen 1991 und 1994 sprunghaft anstiegen. Dies erhöhte die Bereitschaft, ausserordentliche Anstrengungen zu unternehmen.

Zweitens gab es die Zwänge des Maastricht-Vertrags. Italien wusste, dass ohne Schuldenreduktion ein Beitritt zur Währungsunion unmöglich sein würde. Der Schuldenstand von 100 Prozent war zwar immer noch weit über den Vorgaben des Maastricht-Vertrags, der 60 Prozent vorschrieb, und es ist klar, dass die Italiener kurzfristige Tricks angewendet haben, um die Situation besser erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich war. Trotzdem: Es wurden echte Sanierungsmassnahmen ergriffen, sowohl beim regulären Haushalt wie bei den Sozialversicherungen.

Drittens hat die Abwertung temporär die Konjunktur gestützt, sodass die negative Wirkung von staatlichen Sparmassnahmen und Steuererhöhungen gedämpft werden konnte.

Ist eine Wiederholung möglich?

Was die Krisensituation als Voraussetzung von Reformen anbelangt, so ist eine Wiederholung durchaus möglich. Es kann allerdings noch lange dauern, bis die Zinsen steigen werden. Es besteht kein unmittelbarer Leidensdruck wie zu Beginn der 1990er-Jahre.

Was den zweiten und dritten Faktor anbelangt, so ist eine Wiederholung nicht wahrscheinlich. Es gibt zwar den Fiskalpakt, aber wer schon in der Währungsunion drin ist, hat wenig zu befürchten. Und eine Abwertung der Währung ist kurzfristig nicht im selben Mass wie in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre möglich. Dazu kommen die maroden Banken.

So ist es eher unwahrscheinlich, dass wir bald eine Wiederholung des italienischen Wunders erleben. Es gibt nur ein realistisches Szenario: die Fortsetzung der Tiefzinspolitik der EZB.

Was die EU mit der Kirche gemeinsam hat

Tobias Straumann

Eine gewisse Schlitzohrigkeit gehört zum Geschäftsmodell: EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker trifft anlässlich des 60. Jahrestags der Verträge von Rom auf Papst Franziskus (24. März 2017). Foto: Keystone

Die EU ist ausserordentlich schwierig zu verstehen. Sie ist weder Fisch noch Vogel, weder Bundesstaat noch Staatenbund, weder demokratisch noch undemokratisch, weder erfolgreich noch erfolglos. Vor allem ist sie singulär. Es gibt heute kein vergleichbares staatliches Konstrukt. In der Schweiz tut man sich deshalb besonders schwer, die EU zu begreifen. Als Fanatiker der Pünktlichkeit sind es die Bewohner dieses Landes gewohnt, dass die Dinge eindeutig sind.

Vielleicht hilft es, wenn man die EU mit der ältesten supranationalen Organisation Europas vergleicht: mit der katholischen Kirche. Auf diese Weise lässt sich die EU möglicherweise bis zur Kenntlichkeit entstellen.

Im Übrigen ist der Vergleich mit der katholischen Kirche historisch gar nicht so abwegig, wie er auf den ersten Blick scheint. Die EU war in der Frühphase ein von katholischen Politikern besonders favorisiertes Projekt. Jean Monnet, Robert Schumann, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi, Paul-Henri Spaak – sie alle waren Katholiken. Nur in den Niederlanden war ein Nicht-Katholik Staatschef, der den europäischen Einigungsprozess unterstützte: der Sozialdemokrat Willem Drees.

Regeln brechen, ohne sie infrage zu stellen

Eine erste Parallele zwischen der EU und der katholischen Kirche ist die hierarchische Struktur. Die Entscheidungen fallen oben und werden nach unten kommuniziert. Die Funktionselite ist gut ausgebildet, internationalistisch und wohlmeinend, aber sie will das Heft nie aus der Hand geben. Bewegungen von unten scheut man wie der Teufel das Weihwasser. Als Frankreich und die Niederlande, zwei Gründungsländer, die Verfassung ablehnten, taufte man die ganze Sache einfach auf «Vertrag von Lissabon» um und legte ihn in den beiden Ländern nicht mehr zur Volksabstimmung vor.

Die zweite Parallele ist die schlitzohrige Einstellung zu Regeln. In der katholischen Kirche wie in der EU ist es durchaus erlaubt, Regeln zu brechen, solange man die Regeln selber nicht infrage stellt. Das Zölibat wurde immer wieder umgangen. Aber Bewegungen, die das Zölibat abschaffen wollten, wurden sofort bekämpft und ausgeschlossen. Ähnlich in der EU: Die Defizit- und Schuldenregeln gemäss Maastricht-Vertrag können problemlos verletzt werden, solange die Regeln selber nicht kritisiert werden. Als Portugal und Spanien letztes Jahr ein zu grosses Defizit ausweisen mussten, sprach Brüssel eine Sanktion aus, aber verzichtete darauf, eine Strafsumme zu verlangen.

So publizierte die EU-Kommission am 27. Juli 2016 folgendes Pressecommuniqué, um ihren Entscheid zu begründen:

Nach dem einstimmigen Beschluss des Rates gemäss Artikel 126 Absatz 8, dass weder Spanien noch Portugal wirksame Massnahmen zur Korrektur ihrer übermässigen Defizite getroffen hatten, war die Kommission rechtlich verpflichtet, innerhalb von 20 Tagen einen Vorschlag für eine Geldbusse zu unterbreiten. Die rechtlich festgelegte Standardhöhe einer solchen Strafe beträgt 0,2 Prozent des BIP, kann aufgrund aussergewöhnlicher wirtschaftlicher Rahmenbedingungen oder auf Antrag des betreffenden Mitgliedstaats jedoch verringert werden. Beide Länder haben einen solchen mit Gründen versehenen Antrag gestellt. Nach Kenntnisnahme der Anträge, angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds, in Anerkennung der Reformbemühungen beider Länder und vor dem Hintergrund der Zusagen, die diese im Hinblick auf die Erfüllung der Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts gemacht haben, schlägt die Kommission dem Rat vor, die Geldbussen aufzuheben.
Die entscheidende Passage findet sich im letzten Satz: Portugal und Spanien haben Zusagen gemacht, sich in Zukunft an den Stabilitäts- und Wachstumspakt zu halten. Man verletzt die Regel, aber bestärkt im gleichen Atemzug seine Unterstützung der Regel.

Eindeutigkeit ist nicht zielführend

Eine dritte Parallele, die eng mit der zweiten verzahnt ist, ist die Toleranz in den Feldern, die keine Bedrohung für das Machtmonopol darstellen. So liess die katholische Kirche eine grosse Vielfalt zu. In Frankreich zum Beispiel wurde der Katholizismus von der Monarchie vereinnahmt. Der Gallikanismus bewies wenig Treue zu Rom. Dennoch kam es nie zum offiziellen Bruch. In den Innerschweizer Kantonen wurden die Priester schon im Spätmittelalter von den Bürgern gewählt. Rom sah dies nicht gerne, aber liess die Innerschweizer gewähren. Ähnlich die EU: Bei den lokalen und regionalen Angelegenheiten, die oft viel mehr Emotionen hervorrufen als Defizit- und Schuldenregeln, gibt es viel Spielraum. Wenn zum Beispiel die Bevölkerung von Stuttgart einen anderen Bahnhof will, ist das den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt überlassen.

Wenn der Vergleich der EU mit der katholischen Kirche nicht völlig abwegig ist – was er natürlich ist –, hat es keinen Sinn, eine Bereinigung der Beziehungen Berns mit Brüssel anzustreben. Auch ein EU-Beitritt wäre kein Befreiungsschlag. Die Reibungen würden eher noch zunehmen. Und schliesslich ist es unnötig, den Widerspruch bei der Einwanderungsfrage zu beheben. Die Verfassung mag ein stärkeres Einwanderungsregime vorschreiben als das Gesetz, aber im Umgang mit der EU ist Vieldeutigkeit besser als Eindeutigkeit, Schlitzohrigkeit besser als Korrektheit. Wenn die Einwanderung abnimmt, erledigt sich die Sache von selbst. Wenn sie nicht abnimmt, lässt sich das Gesetz schnell anpassen, ohne die Verfassung ändern zu müssen. Die Idee, sofort eine perfekte Übereinstimmung zwischen Verfassung und Gesetz herzustellen, ist kontraproduktiv.

Genau dieses opportunistische Prinzip hat im Übrigen das Parlament im Gesetzestext verankert. Am Schluss (Absatz 8 des neuen Artikels 21a des Ausländergesetzes) heisst es nämlich zum Thema «Massnahmen für stellensuchende Personen»:

Erzielen die Massnahmen nach den Absätzen 1–5 nicht die gewünschte Wirkung oder ergeben sich neue Probleme, so unterbreitet der Bundesrat der Bundesversammlung nach Anhörung der Kantone und der Sozialpartner zusätzliche Massnahmen. Bei erheblichen Problemen, insbesondere solchen, die durch Grenzgängerinnen und Grenzgänger verursacht werden, kann ein Kanton beim Bundesrat weitere Massnahmen beantragen.
Diese Sätze könnten von der katholischen Kirche stammen.

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Kryptowährungen zur Lösung des Geldproblems

Markus Diem Meier

Auch gedruckt ist es kein richtiges Geld: Scheine für Bitcoins. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Bitcoin und andere Kryptowährungen können das Geld der Notenbanken nicht ersetzen. Allerdings gäbe es durchaus interessante Einsatzmöglichkeiten.

Im April hat sich das renommierte Peterson Institute for International Economics (PIIE) dem Thema Bitcoin angenommen. In einer Kurzstudie ist es der Frage nachgegangen, ob die digitalen Währungen eine Gefahr für die gängigen Währungen seien und damit auch für die Notenbanken, die sie überwachen sollen.

Die Antworten von PIIE-Autor Daniel Heller sind nicht neu. Hierzulande hat sie auch schon der emeritierte Wirtschaftsprofessor Ernst Baltensperger in einem Gastartikel in der NZZ niedergeschrieben. Die Antwort schon vorab: Bitcoin hat keine Chance, die gängigen Währungen zu ersetzen.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Etwas ganz anderes ist es nämlich, wenn die Notenbanken selbst eine solche Währung für ihre Geldpolitik nutzen würden. Gehen wir die beiden Argumente durch.

1. Bitcoin kann das Geldsystem nicht ersetzen

Damit etwas als Geld funktionieren kann, muss es die drei Grundfunktionen erfüllen:

  • Es muss als allgemeines Tauschmittel weitum akzeptiert sein
  • Es muss als Wertmassstab funktionieren
  • Man muss es als Wertaufbewahrungsmittel nutzen können

Wenn etwas als Geld bezeichnet wird, das nicht alle diese Funktionen erfüllt – oder sie nicht mehr erfüllt –, dann ist das nicht wirklich Geld. Ein Beispiel wäre eine Hyperinflation, wenn ein «Geld» sich dramatisch und sehr schnell entwertet. In diesem Fall würde es nicht mehr als Tauschmittel akzeptiert, könnte nicht mehr als Wertmassstab funktionieren und auch nicht mehr als Wertaufbewahrungsmittel. Denn der (Tausch-)Wert dieses «Geldes» wäre in jedem Zeitpunkt kaum mehr zu bestimmen. Es würde seine Funktion als Geld verlieren. Etwas anderes würde an seine Stelle treten: Edelmetalle oder andere Güter – wie das in solchen Lagen immer wieder geschah.

Die Kryptowährung Bitcoin erfüllt tatsächlich keine dieser Funktionen. Sie wird im Vergleich zu anderen Währungen nur von einem kleinen Anteil genutzt und kann daher nicht als allgemeines Tauschmittel eingesetzt werden. Aber das ist nicht ihr grösster Mangel, denn die Anwendergemeinde könnte ja weiter wachsen, wie sie es bereits tut. Das grösste Problem liegt in der Instabilität der Währung (das war schon einmal Thema hier). Die folgende Grafik zeigt die Wertentwicklung von Bitcoin seit Bestehen:

Eine solche Entwicklung wäre für echtes Geld eine Katastrophe. Der enorme Wertzuwachs im Jahr 2013 und dann erneut ab Mitte 2015 käme einer gigantischen Deflation gleich – einer weit schlimmeren Deflation, als sie etwa die Weltwirtschaftskrise in den USA in den 30er-Jahren verursacht hat. Niemand würde dieses Geld mehr ausgeben wollen, das so schnell und so dramatisch an Wert zulegt. Die Realzinsen wären gigantisch hoch, eben weil das Horten von Geld allein schon einen «Zins» in Form des Wertzuwachses abwirft. Damit würden aber der Konsum, die Investitionen und in der Folge auch die Produktion zusammenbrechen und die Arbeitslosigkeit explodieren.

Das Problem ist aber nicht nur die Wertsteigerung, sondern die Ungewissheit der Preisentwicklung generell. Von Preisstabilität wäre bei Bitcoin nie etwas zu sehen gewesen. So wäre in Güterpreisen das Jahr 2014 nach der Deflation im Jahr 2013 mit Bitcoin durch eine dramatische Inflation (die der Geldentwertung entspricht) gekennzeichnet gewesen. Für die Funktion als Wertmassstab oder als Wertaufbewahrungsmittel wäre daher Bitcoin nicht zu gebrauchen. Und damit auch nicht als Geld.

Der eigentliche Zweck von Bitcoin liegt bisher also darin, Anlage- oder vielmehr Spekulationsobjekt zu sein. Damit zum zweiten Argument.

2. Kryptowährungen im Dienst der Notenbanken

Wenn eine Kryptowährung wie Bitcoin schon nicht das herkömmliche Geldsystem ersetzen und Notenbanken überflüssig machen kann, so gibt es die umgekehrte Möglichkeit: Nämlich dass Notenbanken selbst Kryptowährungen oder eine zusätzliche, von ihnen kontrollierte elektronische Währung nutzen könnten. Diese Idee hat viel mit der Debatte über die Instabilität des Geldsystems zu tun: Weil die Geschäftsbanken – und nicht die Notenbanken – den grössten Teil des Geldes über ihre Kreditvergabe schöpfen; das so geschaffene (Buch-)Geld kann als Einlagen auf Depositenkonten für Transaktionen genutzt werden. Die Kredit-Geldschöpfung durch die Banken ist eine der Ursachen für immer wieder auftretende Blasen auf den Immobilien- und Kapitalmärkten und für die schweren Krisen, die ihrem Platzen oft folgen. Dieser Beitrag geht auf das grosse Missverständnis ein (das noch immer viele Lehrbücher fälschlicherweise verbreiten), wonach die Geldmenge von den Notenbanken gesteuert werde.

Die Möglichkeiten der Notenbanken zur Steuerung der Geldmenge sind indirekt und beschränkt. In ihrer Kontrolle liegt nur das Notenbankgeld. Dazu zählen einerseits die von ihnen emittierten Noten (deren Wert nur noch einen verschwindend geringen Anteil an der Gesamtgeldmenge einnimmt) und andererseits die Reserven, die die Geschäftsbanken bei der Notenbank halten müssen. Nur über die Leitzinsen für ihr Notenbankgeld (auf das die Geschäftsbanken weiter angewiesen sind) kann eine Notenbank die Geldmenge indirekt etwas beeinflussen (wenn wir hier von ausserordentlichen Massnahmen wie dem «Quantitative Easing», also Staatsanleihenkäufen, absehen). Denn wenn die Banken höhere Zinsen für Notenbankgeld bezahlen müssen, verlangen sie auch selbst höhere Zinsen für ihre Kredite, was die Kreditvergabe und damit die Geldschöpfung einschränkt – und umgekehrt.

Könnten nun die Notenbanken neu auch direkt elektronisches Geld emittieren, das vom Publikum gehalten wird, würden sie damit mehr Kontrolle über die Geldmenge zurückerhalten, einfach weil sie dann einen grösseren Teil der Geldmenge kontrollieren, anders als jetzt auch Buchgeld. Der Mechanismus wäre so, dass die Bevölkerung zinstragende Einlagen bei der Notenbank machen und dafür die Einlagen als elektronisches Geld nutzen könnte.

Das wäre eine Alternative zu radikaleren Ideen wie etwa jener der Vollgeldinitiative in der Schweiz, die die Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken gleich ganz unterbinden möchte, oder jener des Vollreservesystems, gemäss dem die Notenbanken für jeden vergebenen Kredit den gleichen Betrag als Reserve bei der Notenbank halten müssten. Bei der Einführung von elektronischem Notenbankgeld, das die Notenbank der Bevölkerung direkt zugänglich macht, würde zwar nicht über Auflagen ins Bankensystem eingegriffen. Die Konkurrenz durch elektronisches Notenbank-Buchgeld würde das Finanzsystem aber deutlich umkrempeln, da die Banken für ihr Depositengeschäft und damit ihr Buchgeld eine sehr mächtige Konkurrenz erhalten würden.

Mit der Idee von elektronischem Notenbankgeld, das direkt dem Publikum zur Verfügung stehen soll, haben sich Notenbanken selbst schon auseinandergesetzt. So prüft etwa die Schwedische Reichsbank (Riksbank) einen solchen Schritt. Die Ökonomen John Barrdear und Michael Kumhof von der britischen Notenbank «Bank of England» zeigen in einer modellbasierten Studie (Erfahrungen dazu gibt es ja noch gar nicht) die Vorteile einer solchen elektronischen Notenbankwährung auf. Würde eine Notenbank eine solche Währung im Umfang von 30 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt emittieren, so würde das Bruttoinlandprodukt permanent um 3 Prozent ansteigen, weil so das Zinsniveau sinken und jetzt bestehende Transaktionskosten bei der Geldversorgung verschwinden würden. Ausserdem wäre laut den Autoren eine Notenbank deutlich besser als jetzt in der Lage, ihre Geldpolitik umzusetzen – also den Konjunkturzyklus zu stabilisieren.

Fazit

Als echter Geldersatz ausserhalb der gewachsenen Finanz- und Notenbankstrukturen haben Kryptowährungen keine Zukunft. Die Chancen sind aber gross, dass sie in dieses System integriert werden können. Die Herausgabe solcher Währungen durch Notenbanken ist eine naheliegende Möglichkeit und dazu auch eine sinnvolle. Dies auch deshalb, um den Einfluss der Notenbanken auf das Geld- und Finanzsystem gegenüber den Banken wieder zu erhöhen.

Schweizer Arbeitsmarkt im Ausnahmezustand

Tobias Straumann

Die Beschäftigung in der Metallindustrie konnte stabilisiert werden: Giesserei von Roll in Emmenbrücke. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Die schweizerische Wirtschaft hat sich seit der Finanzkrise je nach Sektor sehr unterschiedlich entwickelt. Die Exportindustrie ist kaum vom Fleck gekommen, während der Binnenmarkt auf Hochtouren läuft – dank tiefen Zinsen und hohen Einwanderungsraten.

Die jüngsten Prognosen weisen darauf hin, dass sich das Ungleichgewicht zwischen Aussen- und Binnenwirtschaft langsam abzubauen beginnt. Der Beschäftigungsindikator der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich steigt für das erste Quartal 2017 steil nach oben (siehe Grafik unten). Der Beschäftigungsindikator der Industrie liege zwar immer noch im negativen Bereich, schreibt die KOF, doch er habe immerhin wieder das Niveau der Zeit vor dem Frankenschock erreicht.

Der jüngste Konjunkturbericht des Seco verdeutlicht, wie schwierig die letzten Jahre für die Industrie gewesen sind. Die nächste Grafik illustriert die Veränderung der Umsätze in der Industrie (Grün ist positiv, Rot negativ). In den letzten drei Jahren dominierten Stagnation und Schrumpfung. Es wird einige Zeit brauchen, bis dieser Rückgang wieder wettgemacht ist.

Die zweite Grafik zeigt die Beschäftigungsentwicklung im zweiten Sektor seit 2012. Im Jahr 2016 überwogen die Verluste eindeutig. Nur das Gewicht zwischen den Branchen hat sich verschoben. Die Maschinen- und Metallindustrie hat im dritten und vierten Quartal die Beschäftigung stabilisieren können – nach sieben Verlustquartalen. Dafür hat die Uhrenindustrie vermehrt Arbeitsplätze abgebaut, was weniger mit dem Frankenschock als mit der sinkenden Nachfrage im Fernen Osten zu tun hat.

Im neusten Quartalsbericht der SNB sieht man das Verhältnis zu den übrigen Sektoren. Die Dienstleistungen haben sich prächtig entwickelt, die Industrie verliert an Terrain.

Die Grafik erinnert an ein geöffnetes Krokodilsmaul. Irgendwann wird es zuschnappen.

Ungleichheit in China nimmt rapide zu

Andreas Neinhaus

Die Bestverdienenden haben am meisten vom Wachstum profitiert: Luxuswagen vor Luxus-Wohnhäusern in der Provinz Hainan. Foto: Wang Zhao (AFP)

Seit seinem Bestseller «Das Kapital im 21. Jahrhundert» zählt der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty zu den bekanntesten Ökonomen. (Er war mehrfach Thema dieses Blogs, zum Beispiel hier und hier.) Piketty lehrt in Paris und widmet seine Forschung der Einkommensungleichheit. Seine These: Immer weniger Menschen profitieren von dem steigenden Wohlstand und dem Wachstum der Wirtschaft. Nachdem seine Forschung sich in den vergangenen fünf Jahren vor allem auf die USA und Europa konzentrierte, hat Piketty nun eine neue Studie veröffentlicht: Sie widmet sich Chinas Aufstieg zu einem der wichtigsten Player der Weltwirtschaft.

Abgedeckt wird der Zeitraum von 1978 bis 2015, in dem die Volksrepublik sich von einem planwirtschaftlichen Staat zu einer Marktwirtschaft wandelte. Piketty und seine Co-Autoren Gabriel Zucman von der Universität Berkeley und Li Yang von der Weltbank sprechen allerdings lieber von einer «mixed economy». Denn der öffentliche Sektor besitzt zwar heute einen kleineren Teil des Volksvermögens als früher, aber im Vergleich mit den modernen Industrieländern ist der Anteil immer noch deutlich grösser. Das zeigt die folgende Grafik.

Der Staat hält etwa 30 Prozent des Volksvermögens. China liegt damit heute ungefähr gleichauf mit der Situation, die bis 1980 in vielen westlichen Industrieländern vorherrschte. In Frankreich, Grossbritannien, Skandinavien etc. spielten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs öffentliche Unternehmen in der Wirtschaft eine wichtige Rolle. Gleichzeitig stand dem grossen öffentlichen Sektor nur eine niedrige Staatsverschuldung gegenüber. Politologen sprachen damals von mixed economies.
Die Grafik zeigt auch, wie sich der Staat in allen Industriestaaten seit Ende der Siebzigerjahre zurückgezogen hat. Staatsbetriebe wurden privatisiert, also Aktiven des Staats veräussert. Auf der anderen Seite nahmen die Verbindlichkeiten zu, die öffentliche Hand verschuldete sich immer mehr, vor allem in den vergangenen Jahren seit der Weltfinanzkrise 2008/09. So kommt es, dass das Netto-Staatsvermögen nicht nur nahe null gesunken ist, sondern in einigen Ländern wie in den USA und Grossbritannien inzwischen sogar negativ ausfällt. Die öffentlichen Schulden übersteigen die Aktiven des öffentlichen Sektors.

Sparen, investieren, spekulieren

Ganz anders in China. Das Land wuchs kräftig, und der nationale Wohlstand nahm zu. China baute seinen Netto-Auslandsvermögenstatus seit der Jahrtausendwende markant aus: von 2 Prozent des Nationaleinkommens auf 25 Prozent. Interessant dabei ist allerdings, dass das Reich damit immer noch gegenüber Spitzenreitern unter den Netto-Gläubigerstaaten wie Japan und Deutschland zurückliegt. Sie bringen es auf 78 resp. 35 Prozent. Chinas rasanter Wohlstandsgewinn ist im Gegensatz dazu vorwiegend vom Aufbau inländischen Kapitals getrieben.

Sehr hohe Sparraten und Investitionsquoten sind eine Erklärung. Aber sie reichen gemäss Piketty nicht als Erklärung aus. Steigende Vermögenspreise spielten eine wichtige Rolle, vor allem die Explosion der Notierungen am Aktienmarkt und der Wohnimmobilienpreise.

Wachsende Ungleichheit

Wer profitierte von dem Wohlstandsgewinn? Chinas Wandel vom Kommunismus zum Kapitalismus ging mit einer wachsenden Einkommensungleichheit einher. Das ist kaum überraschend. Der Anteil des Nationaleinkommens, das in die Taschen der 10 Prozent der Bevölkerung mit den höchsten Einkommen fliesst, nahm von 27 (1978) auf 41 Prozent (2015) zu. Gleichzeitig sank der Anteil der Bevölkerungshälfte mit den niedrigsten Einkommen von 27 auf 15 Prozent. Die Mittelschicht (40 Prozent) hielt ihren Einkommensanteil nahe 45 Prozent, d.h. sie verdient durchschnittlich etwas mehr als das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen des Landes.

China erlebte in den vergangenen vier Jahrzehnten einen dramatischen demografischen Wandel: Die städtische Bevölkerung vervielfachte sich von 100 Millionen Erwachsenen auf 600 Millionen. Die Landbevölkerung ist mit 500 Millionen Erwachsenen inzwischen etwas geringer als die urbane, während sie zuvor viermal so gross war. Zwar ist das Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land sehr gross. Aber Piketty belegt, dass die Einkommensungleichheit in der chinesischen Gesellschaft nicht allein deswegen zugenommen hat. Entscheidend war die Schere innerhalb der ländlichen Bevölkerung. Das zeigt die folgende Grafik.

Geringere Einkommensunterschiede als in den USA

Piketty greift auf seine früheren Länderstudien zurück, um Chinas Wohlstandsunterschiede international zu vergleichen. Die Volksrepublik ist heute ungleicher als Frankreich und nähert sich der Lage in den USA. Der Anteil der Top-Ten-Verdiener nahm in den Vereinigten Staaten zwischen 1978 und 2015 von 35 auf 47 Prozent zu (China: von 27 auf 41 Prozent). Dagegen blieb er in Frankreich fast gleich (31 auf 33 Prozent). Der Abstand zu den USA fällt jedoch grösser aus, wenn die Superreichen (Top-1-Prozent-Einkommen) in den Ländern miteinander verglichen werden, wie die folgende Grafik zeigt.

Der Anteil der Bevölkerungshälfte mit den niedrigsten Einkünften am Nationaleinkommen liegt in den USA bei gerade einmal 12 Prozent, im ländlichen China bei 20 Prozent und im städtischen gar bei 25 Prozent. Piketty mahnt zur Vorsicht, dass die Datenlage noch nicht über jeden Verdacht erhaben sei. «Our corrected inequality estimates for China are more satisfactory and plausible than previous estimates. But they are still fragile and incomplete, and they are definitely not meant to be the last word on the issue.»

Trotzdem sei der beachtliche Abstand im Ungleichheitsvergleich zwischen den USA und China mehr als nur eine Frage der statistischen Erhebung. «It seems difficult at this stage to imagine a correction that would make China more unequal than the USA, especially if one thinks of the comparison of the bottom 50 percent income share between urban China and the USA.»

Wachstum für alle oder für wenige?

China, die USA und Frankreich wiesen in den vergangenen vier Jahrzehnten die gleichen Trends aus:

  1. Überall stiegen die realen Einkünfte der Top-Einkommensschichten schneller als das durchschnittliche Wachstum des jeweiligen Landes.
  2. Und überall stiegen die realen Einkünfte der 50 Prozent Geringerverdienenden langsamer als der Durchschnitt.

Die «Top-0,001%»-Einkommensklasse legte zwischen 1978 und 2015 in Frankreich insgesamt um 158 Prozent zu, in den USA um 685 Prozent und in China um das Vierzigfache (3817 Prozent).

Der grosse Unterschied gemäss Piketty liegt hingegen in der Einkommensentwicklung der «Bottom 50%». Ihr Einkommen verfünffachte sich real (+401 Prozent). Das ist zwar weniger als der Durchschnitt, aber dennoch eine substanzielle finanzielle Verbesserung. Ist die Entwicklung deshalb gerechter? Wohl nicht – aber vermutlich macht es die wachsende soziale Kluft erträglicher. Piketty: «Presumably this can make rising inequality much more acceptable, especially for a country starting from very low living conditions, and at least until a certain point.» In den USA war das reale Einkommenswachstum der unteren Bevölkerungshälfte in den letzten 40 Jahren negativ (–1 Prozent).