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The State of Swing
Die Auftragseingänge für Investitionsgüter in den USA erholen sich. Doch wie in den 1960er und 1980er Jahren signalisiert das noch keinen neuen Aufschwung.

Zuvor haben wir (hier und hier) gesehen, wie wichtig es ist, vor allem die Neuinvestitionen einer Volkswirtschaft zu beobachten. Ausgaben, die den Kapitalstock eines Landes erweitern, Ausgaben für Maschinen, Anlagen, Geräte, Wirtschaftsgebäude usw. Da wir frische Daten aber nur alle Quartale von den amtlichen Statistikern geliefert bekommen, werden wir uns hier im Blog auch auf monatliche Zahlen stürzen.

Wie viele Volkswirte in den Banken, bei Vermögensverwaltern und Forschungsinstituten beobachten wir dabei Frühindikatoren: Am beliebtesten sind Umfragen unter Managern und Verbrauchern sowie die Auftragseingänge in der Industrie. So können wir frühzeitig Hinweise dafür finden, wohin sich die Produktion künftig bewegen wird, ob neue Jobs entstehen oder Unternehmen Stellen streichen.

Jobaufbau hängt an der Geschwindigkeit der Investitionen

Es reicht aber nicht nur, wenn wir eine Ahnung davon bekommen, ob die Investitionsausgaben künftig wachsen oder schrumpfen werden. Ganz wesentlich ist auch die Geschwindigkeit. Für die USA haben wir es bereits gesehen: Die Unternehmen bauen in der Regel erst dann Jobs auf, wenn der Konjunkturschwung so stark wird, dass die Investitionsausgaben schneller wachsen als die gesamten Ausgaben und Einkommen eines Landes.

In den Vereinigten Staaten wurden soeben die Auftragseingänge in den Unternehmen für wichtige Industriegüter im Mai veröffentlicht. Konkret schauen wir uns aber nur die Neubestellungen ziviler Investitionsgüter (also ohne Rüstung) an, denn uns interessiert die in jeder Marktwirtschaft dominierende Privatwirtschaft. Auch Grossaufträge für Flugzeuge bleiben aussen vor, weil hier oft Jahre vergehen vom Zeitpunkt der Bestellung bis zur ihrer Lieferung.

 

Hier sehen wir, dass die Neuaufträge aus dem In- und Ausland bei den US-Produzenten Ende 2016 einen kräftigen Schub bekommen haben. In den USA wurde zur Jahreswende verstärkt im Energiesektor investiert, also in Bohranlagen bei den kriselnden Schieferöl – und Gasförderern, die den Schock der gesunkenen Ölpreise offenbar verdaut haben. Zudem investierten die Amerikaner sehr viel in IT-Systeme.

Wie weit hier auch der Wahlerfolg von Donald Trump für diesen Schub förderlich war, ist allerdings unklar. Steigende Aktienkurse und wachsende Gewinne in ausländischen Produktionsstandorten werden jedenfalls die Stimmung vieler US-Manager kaum gedrückt haben. Allerdings erkennen wir auch, dass der 12-Monats-Trend noch immer negativ ist.

Bleibt die Frage nach der Geschwindigkeit, ob die Amerikaner ihre Investitionsausgaben stärker steigern als ihre gesamten Ausgaben. Dabei müssen wir beachten, dass die US-Unternehmen nicht nur Investitionsgüter im Inland kaufen, sondern auch im Ausland. Entsprechend passen die gesamten Investitionsausgaben oftmals gar nicht so gut mit den Auslieferungen der Produzenten zusammen (die ihrerseits auch ins Ausland liefern). Auch lassen wir die Ersatzinvestitionen weg, die sich aus Abschreibungen finanzieren und somit das Wachstum kaum antreiben. (Neubestellungen, Auslieferungen im zweiten Quartal sind geschätzt).

 

Für uns erfreulich laufen die Neuaufträge und Auslieferungen bei den US-Produzenten mit den Investitionsausgaben der US-Wirtschaft seit Anfang 2017 nicht nur in die gleiche Richtung, sondern sie liegen auch noch eng beieinander: hier im Verhältnis zum Nettoinlandsprodukt (das Bruttoinlandsprodukt ohne Abschreibungen). Dies zeigt uns, ob die Produktion und sich die Ausgaben schneller (positive Werte) oder langsamer bewegen (negative Werte) als das Gesamteinkommen oder die -ausgaben.

Was sagt uns diese Grafik? Die Neuinvestitionsquote schrumpft noch – aber langsamer als Ende 2016. Sie könnte sogar ab dem Sommer wieder steigen, wenn der Trend bei den Neubestellungen uns verrät, wie es mit den Investitionsausgaben weitergeht. Historisch gab es so eine Situation erst zweimal in der Nachkriegsgeschichte der USA: in den 1960er Jahren und den 1980er Jahren. Kurz bevor die Investitionsquote wieder wächst, die Ausgaben sich beschleunigen, hatte sich der Jobaufbau aber so stark abgeschwächt, dass daraufhin eine Rezession ausbrach.

Dieses Szenario wird derzeit realistischer. Solange die Investitionsquote aber noch schrumpft (wenn auch zuletzt langsamer), die inländischen Gewinne ebenfalls sinken, bleibt die US-Wirtschaft gleichwohl extrem anfällig dafür, dass unvorhergesehene Ereignisse auf den Finanzmärkten jederzeit eine Rezession auslösen können.

Amerikas Krisentendenzen mit leicht freundlicher Note

André Kühnlenz
Seit drei Jahren warnen erste Ökonomen vor einer Rezession in den USA - darunter nicht nur die üblichen Dauerpessimisten. Passiert ist bislang aber wenig.

Bevor uns hier gleich die Jobaussichten der US-Amerikaner interessieren sollen, möchte ich doch kurz etwas ausholen.

Wenn wir regelmässig die Konjunktur beobachten, lohnt es sich immer, Statistiken anzuschauen, die über das Offensichtliche hinaus Erkenntnisse liefern. Ökonomen in den Banken oder den Instituten haben die ausgefeiltesten Methoden entwickelt, auf kurze Sicht recht gute Prognosen zu liefern, auf die wir alle irgendwie angewiesen sind. Selten finden wir jedoch in solchen Prognosen Hinweise, warum sich eine Volkswirtschaft im Aufschwung befindet, oder warum sie sich auf einen Abschwung zubewegt.

Wer sagt, die Unternehmen stellen vermehrt ein und der Konsum der Beschäftigten steigt mit ihrem wachsenden Arbeitseinkommen, der sagt eben auch nur mit anderen Worten, dass wir uns im Aufschwung befinden. Aber nicht warum. Wer dann auch noch sagt, neue Jobs entstehen nur dann, wenn Unternehmen mehr investieren als zuvor – in neue Maschinen, Geräte, Anlagen oder Betriebsgebäude –, der sagt genau das Gleiche. Gerne untermauert mit eher statistischen als ökonomischen Zusammenhängen.

Die Konjunkturdynamik lässt sich am besten in Quoten messen

Am Ende des Beitrags kommen wir noch auf so einen statistischen Zusammenhang, wenn auch laienmässig von Excel bestimmt. Anders sieht es jedoch mit den Quoten aus, die wir hier im Blog häufiger betrachten werden. Denn sie zeigen uns zunächst, welche Ausgaben ein Land im Aufschwung am stärksten ausweitet, so dass ihr Anteil an den Gesamtausgaben steigt. Nicht selten wachsen im Aufschwung praktisch alle Ausgabenarten, doch gibt es immer nur ein, zwei, die über weite Strecken besonders stark steigen und damit den Aufschwung antreiben und darauf folgend den Abschwung prägen, wenn sie es nicht mehr tun.

Bestimmte Ausgabenarten wachsen schneller als die Gesamtausgaben eines Landes, andere langsamer. Noch ohne zu wissen warum (später einmal mehr dazu im Blog), können wir in Marktwirtschaften immer wieder beobachten, dass die Investitionen im Aufschwung den Konsum über lange Zeit dominieren. Wie schon am Beispiel der Schweiz gesehen, können wir uns auch für die USA anschauen, wie stark die Investitionen dem Konsum davonlaufen.

Abschreibungen lassen wir wieder aussen vor. Denn sie messen, wie viel die Unternehmen für die Abnutzung ihrer Maschinen, Anlagen, Geräte oder Gebäude in der Produktion aufwenden und daher kaum etwas zum Wachstum beitragen. Wann immer es geht, schauen wir uns daher Nettogrössen an, bei denen die Abschreibungen abgezogen sind: Nettoinvestitionen bedeuten somit, dass es sich hier um die Investitionen in neuen Kapitalstock handelt – also alles, was künftig dauerhaft für die Produktion gebraucht wird: Maschinen, Computer oder Frisörstühle usw.

 

Welche Erkenntnisse können wir nun aus diesen Beobachtungen ziehen?

Wie die Geschichte zeigt, zeichnet sich jeder Aufschwung dadurch aus, dass der Anteil, den ein Land (vor allem die Unternehmen) für Neuinvestitionen ausgibt, eine gewisse Zeit lang stetig wächst. Das heisst, die Neuinvestitionen legen stärker zu als die Gesamtausgaben und damit das Gesamteinkommen. Der Anteil des Konsums fällt dagegen sehr oft und wenn er doch mitunter zunimmt, hinkt er aber dem Investitionsanteil hinterher. Der Konsum trägt also in dieser dynamischen Betrachtung niemals einen Aufschwung, was gerne immer wieder behauptet wird. Wie diese Illusion dennoch aufkommen kann, habe ich im ersten Blogbeitrag an einem Beispiel bereits gezeigt. Es ist nur Schein.

In der Rezession fällt der Investitionsanteil jedoch immer, das zeigen zumindest die Statistiken für die Vergangenheit. Es spricht nichts dafür, dass sich das heute geändert hätte. Was aber nicht heisst, dass immer, wenn die Investitionen an Gewicht und Dominanz verlieren, sofort und immer eine Rezession ausbricht. Genau in dieser Phase befindet sich gerade die US-Wirtschaft. Die Investitionen hinken jetzt dem Konsum hinterher, doch noch immer entstehen in den Vereinigten Staaten unter dem Strich neue Jobs. Die Rezessionsgefahr scheint noch nicht akut.

Nun legt die historische Betrachtung nahe, dass es in den USA jetzt zwei Möglichkeiten gibt: Die Investitionsquote dreht wieder, d.h. sie schrumpft zwar noch, aber langsamer als zuvor. Dies verzögert die Rezession wiederum aber nur, während weiterhin neue Jobs entstehen, am Ende beginnt jedoch kein neuer Aufschwung. Solche Phasen haben die USA in der Nachkriegszeit zweimal erlebt, in den 1960er und 1980er Jahre.

Oder zweitens: Die Investitionsquote schrumpft kontinuierlich weiter in eine Rezession hinein, was bei allen Wirtschaftskrisen zu beobachten ist, zum Beispiel auch der Grossen Finanzkrise und nach Verzögerungen auch in 1960er und 1980er Jahren. Womit wir dazu kommen, uns den Jobaufbau genauer anzuschauen. Da wir die dominierende Rolle der Neuinvestitionen für den Aufschwung bereits gesehen haben, brauchen wir ihn jetzt nicht mehr mit dem Konsum vergleichen, sondern wir schauen uns parallel zur Veränderung der Investitionsquote an, wie sich das Jobwachstum entwickelt.

 

Jetzt erkennen wir wieder, dass neue Jobs in der Regel nur dann entstehen, wenn die Neuinvestitionen so stark wachsen, dass sich ihr Anteil an den Gesamtausgaben erhöht. Was nichts anderes heisst, als dass die Neuinvestitionen schneller wachsen als das Gesamteinkommen und was wiederum nur mit Kreditvorschüssen an die investierenden Unternehmen oder Geschäftsleute verbunden sein kann, die sich irgendwann rentieren sollten.

Ein Land darf den Konsum nicht einschränken

Würde ein Land dagegen seinen Konsum absolut einschränken (um mehr zu investieren), würden die Unternehmen höchstwahrscheinlich wegen dieses Nachfrageschwunds bald ihre Lust am Investieren verlieren und keine Jobs mehr schaffen. Wir kennen das von den Austeritätskrisen, die Politiker und Technokraten in den vergangenen Jahren in Europa ausgelöst haben. Ein wachsender Konsum ist daher immer eine wichtige Voraussetzung für jeden Aufschwung, wenngleich der Anteil an den Gesamtausgaben, die Konsumquote, sinkt oder zumindest hinter die Veränderung der Investitionsquote zurückfällt (wie wir es in der ersten Grafik gerade gesehen haben).

Aktuell stellt sich die Frage, ob die USA in eine Phase eintreten wie in den 1960er oder den 1980er unter Ronald Reagan. Bislang gibt es dafür nur wenige Anzeichen, wie wir in der nächsten Grafik gleich sehen werden. Aber sie gibt es. Wahrscheinlich müsste Donald Trump noch wahre Wunder vollbringen, damit die Volkswirtschaft bei sinkender Profitabilität in den USA sowie schrumpfenden Neuinvestitionen noch jahrelang weiter neue Jobs schafft.

Eine kriechende Abschwächung am US-Arbeitsmarkt

Das Jobwachstum verliert derzeit aber nur sehr langsam an Fahrt, was damit zu tun haben könnte, dass die US-Unternehmen vor allem an ausländischen Produktionsstandorten und damit auch an den Finanzmärkten noch sehr gut verdienen. Ein Fakt, den einige Beobachter – wie auch ich – vor zwei Jahren unterschätzt haben, als sie bereits damals vor der US-Rezession gewarnt haben.

Damit stellt sich die Frage, wann es so kritisch wird, dass das bereits erlahmende Nachfrage- und Stellenwachstum tatsächlich in massenweise Stellenstreichungen umschlägt, die für eine Rezession so typisch sind. Dazu blicken wir auf die Neuinvestitionen der privaten Unternehmen, die in einer Marktwirtschaft bekanntlich den Ton angeben:

 

Ohne grosse statistische Raketenwissenschaft legt uns Excel beide Kurven so übereinander, dass wir daraus eine Schwelle und damit eine Faustregel ablesen können. Ein Wert, der regelmässig unterschritten wird, wenn eine Rezession ausbricht. Und diese kritische Schwelle liegt irgendwo grob zwischen 1 bis 1,25%. Das Jobwachstum lag zuletzt im ersten Quartal aber noch bei 1,53% (in der breiten Haushaltserhebung, die auch Selbständige erfasst).

Warnsignale und doch noch ein Umschwung

Kollabierendes Kreditwachstum bei den Banken in den USA (mein Kollege Peter Rohner hat diese rätselhafte Entwicklung in der aktuellen Printausgabe von «Finanz und Wirtschaft» beschrieben, hier die jüngsten Daten im Twitter-Thread), sinkende Anleiherenditen (darüber schreibt Mark Dittli auf Never Mind the Markets) und eine steigende Verschuldung der Unternehmen sind dagegen Warnsignale dafür, dass sich der Schwächetrend in den USA beschleunigen könnte.

Immerhin haben die Unternehmensinvestitionen wie in den Phasen der 1960er und 1980er Jahre zuletzt gedreht – ihre Quote schrumpft nun langsamer im Verhältnis zum Einkommen. Daher könnte die fällige Rezession sich doch noch länger verzögern, worauf die jüngsten Monatsdaten bislang noch schliessen lassen.

Konjunkturanalyse geht jeden an

André Kühnlenz
Ökonomen verstehen noch immer recht wenig davon, warum sich Boom und Krise alle paar Jahre abwechseln. Beginnen wir doch damit, die Konjunkturimpulse richtig zu beschreiben.

Konjunkturzyklen treten erst seit rund 200 Jahren in den entwickelten kapitalistischen Marktwirtschaften auf. Einige Historiker datieren die Wirtschaftskrise von 1825 in England als die erste Rezession überhaupt in der Geschichte, die ein gesamtes Land erfasst hat. Da war gerade einmal ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem Adam Smith über die unsichtbare Hand geschrieben hatte: Das Volkseinkommen eines Landes werde zwangsläufig und unbewusst (d.h. ohne Eingriffe des damaligen feudalen Staates) so gross wie möglich, wenn doch nur alle Geschäftsleute allein ihre eigenen Gewinninteressen verfolgen.

Rund fünfzig Jahre später begann aber in England das regelmässige Auf und Ab, das wir als Konjunkturentwicklung kennen und das wir noch heute in fast allen modernen Volkswirtschaften beobachten können: Wie aus heiterem Himmel scheinen plötzlich, alle paar Jahre, die Gewinne zu schrumpfen, und die Unternehmen fahren schlagartig ihre Investitionen in neuen Kapitalstock zurück, also ihre Ausgaben für neue Maschinen, Anlagen oder für den Bau von Geschäftsgebäuden.

Der Zusammenhalt ganzer Gesellschaften kann zerreissen

In jeder Krise entlassen viele Unternehmen Teile ihrer Belegschaft, so lange, bis die Gewinne und die Investitionen in der Volkswirtschaft wieder nach oben drehen. Wenn die Boomphase durch Finanzgeschäfte auf schwindlige Höhe getrieben wurde, folgt oft ein schwerer Konjunktureinbruch, der den sozialen Zusammenhalt ganzer Gesellschaften zerreisst. Ganz egal, wie demokratisch, technokratisch oder autokratisch jedes einzelne Land oder Staatengemeinschaften wie die EU organisiert sind.

Daher kann es nur von grösstem Interesse für jeden von uns sein zu verstehen, warum unabhängig von persönlichem Geschick unser Geschäfts- und Arbeitsleben immer wieder so dermassen durcheinandergewirbelt wird. Erst recht, wenn dabei liebgewordene politische und moralische Vorstellungen so wie heute ins Wanken geraten. Doch was müssen wir von den Professoren der renommiertesten volkswirtschaftlichen Fakultäten der Welt hören: Die ökonomische Zunft versteht noch immer recht wenig davon, warum sich Boom und Krisen abwechseln.

Das Wirrwarr der Ökonomen, wenn es um die Konjunktur geht

Ökonomen sind sich noch nicht einmal darüber einig, ob es tatsächlich Konjunkturzyklen gibt. Oder ob die Wirtschaftskrisen vielleicht allein durch Unvollkommenheiten auf den Märkten (z.B. starre Preise oder Löhne) oder zufällige Schocks entstehen. Sie wissen nicht wirklich, ob «versagende» Märkte unsere Volkswirtschaften immer wieder aus einem im Geiste erdachten Gleichgewicht reissen.

Andere Volkswirte betonen psychologische Phänomene wie Herdentrieb oder Unsicherheit, die zu Übertreibungen und darauf folgend zu Krisen führen müssen. Die in der deutschen Öffentlichkeit dominierende Richtung ordnungspolitischer Ökonomen hängt dagegen einer idealistischen Vorstellung an, die der Krisenerklärung wenig Raum lässt: Wenn sich nur alle an bestimmte durch Erfahrungen geprägte Regeln hielten und Institutionen sauber funktionierten, würden unsere Marktwirtschaften weniger krisenanfällig sein.

Anonyme Zwänge durch die globalisierten Märkte?

Für viele ordoliberal gesinnte Volkswirte ist die Regeltreue beileibe nicht in Stein gemeisselt. Geht es zum Beispiel um die deutsche Leistungsbilanz, wollen sie von EU-Regeln (maximal 6% des Bruttoinlandprodukts) kaum noch etwas wissen. Gerne machen sie dann anonyme Zwänge durch die globalisierten Märkte aus, gegen die man sich kaum stemmen könne, weil sie doch Resultat von Millionen freiwilliger Entscheidungen sind.

Dies erinnert uns entfernt an Krisentheoretiker, die von etwas anderem überzeugt sind: Selbst wenn sich alle Wirtschaftsakteure an alle Regeln halten, können gleichwohl immer noch zyklische Krisen auftreten. Diese Volkswirte berufen sich (bewusst oder eher halbherzig und unbewusst wie Keynesianer und Schumpeter-Freunde) auf die klassische Arbeitswertlehre von Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx, wonach sich der Wert jedes Produkts nach der dafür aufgebrachten Arbeitskraft misst.

Mikrologik versus Makrologik

Was aus mikroökonomischer Sicht auf Einzelmärkten passiert, wo die Preise der Güter und Dienstleistungen durch Angebot und Nachfrage ins Schwanken geraten und nur durch Zufall mit ihrem objektiven Wert übereinstimmen, kann demnach erst verstanden werden, wenn wir die Gesamtwirtschaft auch aus Makrosicht betrachten: Wenn Unternehmen beständig in Konkurrenz zueinander versuchen, ihre Marktanteile zu halten oder zu erweitern, so die Mikrologik, verspricht dies einen konstanten oder steigenden Gewinnanteil in der jeweiligen Branche.

Die Makrologik aber besagt, dass der kollektive Expansionsdrang in jedem Aufschwung sich selbst Schranken setzen kann. Dann etwa, wenn die Investitionen dem privaten Konsum davoneilen und ab einem bestimmten Punkt eine weitere Steigerung der Investitionen nur noch zulasten der Profitabilität geht. Denn wie vor 2000 Jahren können wir auch heute nur das konsumieren, was wir zuvor erarbeitet, erjagt, gesammelt oder geerntet haben.

Auch wenn Finanzmärkte und Kreditflüsse uns heute mitunter höhere Einkommen vorgaukeln mögen, als wir tatsächlich erwarten können, kommt es am Ende wohl darauf an, wie sich die Gewinne im Verhältnis zur Lohnsumme entwickeln. Sinkt jedoch die Rendite des bereits investierten Kapitals, oder auch das Gewinn-Lohn-Verhältnis, nimmt automatisch der Anreiz ab, noch mehr zu investieren. Der Aufschwung hat dann seinen Zenit erreicht und kann so in eine Rezession münden.

Es ist natürlich nicht immer leicht, sich in diesem bunten Durcheinander der sich zum Teil widersprechenden Überzeugungen zurechtzufinden, die ich hier nur kurz skizziert habe. Wir erleben ein Wirrwarr in der Ökonomie, das wahrscheinlich nur noch vom Fussball übertroffen wird: wenn jeder einzelne Fan zu Hause vor dem Fernsehgerät oder im Stadion immer am besten weiss, wie er oder sie die Mannschaft zum Sieg führen würde. Das gibt genug Gesprächsstoff für die ganze Woche, bis das nächste Ligaspiel ansteht.

Ein Taktikblog wie im Fussball, nur für die Konjunkturanalyse

Welche Freude bereiten dem geneigten Fussballfan allerdings Taktikblogs, die seit Jahren sehr nüchtern etwas Licht ins Dunkel der Spielanalyse bringen. Die Idee ist dabei ganz simpel: Bevor wir uns die individuellen Fertigkeiten jedes einzelnen Spielers anschauen, ihre Motivation, ihre körperliche Fitness oder den Mannschaftsgeist bewundern, wird in diesen Blogs beschrieben, wie die taktischen Strategien jeder Mannschaft ein Spiel entscheidend geprägt haben. Längst sind die Taktikblogger gern gesehene Gäste in den TV-Studios.

Was für den Fussball gilt, sollte doch auch in der Konjunkturanalyse möglich sein. Unabhängig davon, welcher Erklärungsansatz einem am meisten liegt, muss es doch statistische Fakten geben, die man immer betrachten kann. Etwas, woran wir auch die Auswirkungen von Herdentrieb an den Finanzmärkten, Schocks am Ölmarkt oder an den Devisenmärkten oder die Einkommensverteilung erkennen. Dies können für die Konjunkturanalyse natürlich zunächst einmal die Bestandteile des Umsatzes oder Einkommens eines Landes sein: Vorleistungen, Abschreibungen, Neuinvestitionen, Konsumausgaben und der Export.

Ein «Taktikblog» der Konjunkturanalyse würde dann schauen, welcher dieser Bestandteile am meisten das Wachstum eines Landes antreibt und welche Bestandteile am wenigsten damit zu tun haben, weil sie im Aufschwung womöglich von den anderen dominiert werden. Und genau darum wird es in diesem Blog gehen.

Die Triebkräfte der konjunkturellen Schwankungen

Wir betrachten zunächst einmal ganz einfach die Triebkräfte der konjunkturellen Schwankungen und wie sie sich verändern. Bevor komplizierte Erklärungen, Theorien oder Modelle ins Spiel kommen, folgen wir hier zunächst einer sehr simplen Idee:

Angenommen, ein Land ohne Aussenhandel verteilt sein Einkommen von 100 (z.B. Mrd. Fr.) zu 80% auf den Konsum und zu 20% auf die Investitionen. Nun wächst das Einkommen um 10 auf 110, die Konsumausgaben wachsen dabei um 6 auf 86 und die Investitionsausgaben um 4 auf 24. Nehmen wir die unter Ökonomen und Statistikern so beliebten Wachstumsbeiträge, sticht der Konsum mit +6 also die Investitionen mit +4 klar aus.

Schauen wir aber auf die Anteile am Gesamteinkommen, so sinkt der Konsumanteil von 80 auf 78% (=86/110). Der Investitionsanteil aber steigt von 20 auf 22% (=24/110). Die +2 Prozentpunkte der Investitionsquote schlagen ganz klar die Konsumquote mit ihren –2 Prozentpunkten. Während die Investitionen also an Gewicht gewinnen, verliert es der Konsum.

Und so kommen wir auf die zentrale These dieses Blogs: Entscheidend für die Konjunkturentwicklung sind nicht die absoluten Wachstumsbeiträge (Konsum 6 von 10 sowie Investitionen 4 von 10), sondern die relative Veränderung der Anteile an den Gesamtausgaben (die Konsumquote sinkt um 2 Prozentpunkte, die Investitionsquote steigt um 2 Prozentpunkte).

Nur was in einer Aufschwungphase an Gewicht gewinnt, kann auch den Aufschwung antreiben und ihn tragen. Genau so entstehen positive Konjunkturimpulse, die wir beobachten können und wenn möglich auch erklären sollten. Genau so lässt sich auch das Vorsteuereinkommen eines Landes in die Gewinn- und die Lohnsumme zerlegen. Und alles wird noch durch die Kreditzuflüsse durchwoben, angefeuert oder auch gebremst (am Ende dieses Beitrags dazu mehr).

Es sind immer die Neuinvestitionen, die den Aufschwung einer Marktwirtschaft tragen

Wir werden in diesem Blog öfter sehen, dass es in vielen Ländern gerade die Neuinvestitionen sind, die den Aufschwung einer Marktwirtschaft tragen. Genau das soll hier regelmässig beleuchtet werden für die grossen Volkswirtschaften Europas, die Schweiz und Österreich sowie die USA. Monatliche Indikatoren etwa für die Aufträge werden uns ebenfalls weiterhelfen. Und schliesslich ist es der Arbeitsmarkt, wo die meisten Menschen eine Rezession deutlich zu spüren bekommen.

Wir werden erkennen, dass der Privatkonsum zwar oft genug den grössten Wachstumsbeitrag leistet, das allein schon wegen seiner absoluten Grösse, wie gerade im Beispiel gesehen. Doch oft wächst der Privatkonsum einfach im Gefolge der verstärkten Neuinvestitionen mit (und des Jobaufbaus) – allerdings meistens langsamer. Konkret sehen die Statistiken natürlich etwas komplizierter aus als im obigen Beispiel, wie wir gleich für die Schweiz in folgender Grafik erkennen können:

Hier sehen wir die Veränderung der privaten Konsumquote und der Nettoinvestitionsquote. Ist sie positiv, wächst der Anteil am Gesamteinkommen. Netto bedeutet hier, dass wir nach Abzug der Abschreibungen tatsächlich nur die Neuinvestitionen betrachten. Um diese typischen Bewegungen noch etwas klarer zu machen, betrachten wir einfach, um wie viele Prozentpunkte die Neuinvestitionsquote in der Schweiz schneller wächst als die Konsumquote:

Kommt es zur Konjunkturkrise, sinkt meist die Investitionsquote

Genau solche Veränderungen werden uns hier im Blog interessieren. Dabei soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass ein sinkender Investitionsanteil des Einkommens nicht immer und sofort in eine Rezession führt. Doch eine zyklische Wirtschaftskrise bricht eben oft nur dann aus, wenn die Neuinvestitionen (Capital Impulse) schrumpfen und sich somit langsamer bewegen als das Gesamteinkommen, die Investitionsquote also sinkt. Hier das Beispiel der USA, für die wir schon seit zwei, drei Jahren eine Rezession erwarten können:

Was wir hier noch erkennen können, ist, dass die Veränderung der Investitionsquote meist sehr eng verwoben ist mit der Veränderung der Gewinnquote (Profit Impulse) und des Kreditzuflusses (im Verhältnis zu Einkommen, Credit Impulse). Auch das wird uns hier im Blog interessieren. Schauen Sie also öfter vorbei, wenn Sie wissen wollen, in welchem Stadium der Konjunkturzyklus sich gerade befindet.